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Für Bauarbeiter

Uns Baumeistern ist es ein Anliegen, Sie als Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter direkt zu informieren und mit Ihnen im Austausch zu sein.
Im Jahr 2022 mit all seinen Herausforderungen sowie den laufenden Verhandlungen über den neuen Landesmantelvertrag ist dieser direkte Kontakt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden wichtiger denn je. Automatisierung und Digitalisierung sowie stets steigende Kundenansprüche verändern auch die Arbeitswelt auf dem Bau.
Wir setzen uns dafür ein, dass Ihr Arbeitsplatz sicher und zeitgemäss bleibt.

«Für den SBV ist es wichtig, dass in den LMV-Verhandlungen primär nach Gemeinsamkeiten und Überschneidungen bei den Interessen gesucht wird.»

Liebe Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter.

Was braucht es, damit die Baustelle ein attraktiver Arbeitsplatz ist und bleibt? In der zweiten Ausgabe der «Baunews» kommen zu dieser Frage Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter zu Wort. Sorge Nummer 1 ist der Stress, der meist – aber wie ein Polier meint, nicht nur – von Bauherren und Planern verursacht wird. Was würde hier Bauarbeitern und helfen? Vielleicht mehr Flexibilität beim Erstellen der Arbeitspläne für eine angemessenen Reaktion auf kurzfristige Wünsche des Bauherren oder auf Wetterumschwünge?

Erstaunt bin ich, wie viele Arbeitnehmer sich einen einfacheren LMV wünschen. Warum nicht den Vorschlag eines Poliers prüfen, den LMV so zu entschlacken «dass auch ein Maurer ihn beim ersten Durchlesen versteht und weiss, was gilt.»

Und klar: Gross ist der Wunsch nach leistungsgerechten Löhnen. Gerade für ältere Festangestellte wird es immer wichtiger, im Arbeitsmarkt zu bleiben und einen guten Job auf dem Bau zu haben. Wir setzen auf die wichtigen erfahrenen Mitarbeitenden. Als Arbeiter über eine gute Weiterbildung attraktiv zu bleiben, ist wichtig. Nachteile gegenüber jüngeren unerfahreneren, aber günstigeren Mitarbeitenden sollen vermieden werden. Die «Baunews» zeigen, wie sehr sich die Interessen des Baustellenpersonals und der Baumeister ähneln. Nicht selten sind Bauarbeiter ihren Arbeitgebern wohl näher als den Gewerkschaftern. Für den SBV ist es wichtig, dass in den LMV-Verhandlungen primär nach solchen Gemeinsamkeiten und Überschneidungen bei den Interessen gesucht wird.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und viel Erfolg im Arbeitsalltag.

Flavio Torti, SBV-Vizepräsident und Präsident der SBV-Sektion Berner Jura

Individuelle, gute Leistungen sollen mit einem höheren Lohn honoriert werden. Diesen Standpunkt hat der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) bei den Lohnverhandlungen 2021 mit den Gewerkschaften vertreten. Die Daten der Lohnerhebung 2022 des SBV zeigen nun: Die Löhne des Baustellenpersonals sind um 1,5% gegenüber dem Vorjahr gestiegen und zwar auch ohne generelle Lohnerhöhungen. Damit ist die Kaufkraft gestiegen, weil die Preise 2021 lediglich um 0,6% gewachsen sind. In allen Lohnklassen wurde ein Lohnwachstum beobachtet.

 

Die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter des Bauhauptgewerbes erhalten 2022 durchschnittlich 6‘204 Franken im Monat beziehungsweise 80‘652 Franken im Jahr. Die Löhne des Baustellenpersonals sind um 1,5% gegenüber 2021 gestiegen. Dies ist das Resultat der individuellen, guten Leistung der einzelnen Beschäftigten und nicht der kollektiven Lohnvereinbarungen. 2021 betrug die Inflation 0,6%. Somit übertrifft die Lohnerhöhung die Teuerung, die Kaufkraft hat zugenommen. Bereits in den Jahren zuvor waren die Reallöhne gewachsen.

Im Bauhauptgewerbe gibt es mehrere Berufe, die hinsichtlich Verantwortung, aber auch Leistung und Lohn variieren. Hilfsarbeiter in der Lohnklasse C erhalten 4‘959 Franken im Monat, Maurer mit EFZ-Lehrabschluss in der Lohnklasse Q 6‘148 Franken und Poliere 7‘908 Franken. Schweizweit beträgt der Durchschnittslohn für das Baustellenpersonal 6‘204 Franken. Da sich die Lebenshaltungskosten von Ort zu Ort unterscheiden, variieren auch die Durchschnittslöhne zwischen den Kantonen von 5‘677 Franken bis zu 6‘434 Franken.

Weiterbildung als zentraler Lohnfaktor

Neben der eigenen Leistung ist die Weiterbildung der zentrale Faktor für eine Lohnerhöhung. Weiterbildungen bleiben das wichtigste Mittel, um den eigenen Lohn, aber auch die eigenen Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten zu entwickeln. Durch eine Weiterbildung steigt man in eine höhere Lohnklasse auf, ein solcher Sprung rentiert mit durchschnittlich rund 600 Franken pro Monat.

Lohnerhöhungen auf individueller Basis entsprechen den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden und der Arbeitgeber. Löhne sollen die eigene Leistung honorieren und zur persönlichen Weiterbildung motivieren. Dies ist der richtige Weg, um Nachwuchs zu rekrutieren und Fachkräfte zu halten. Der SBV appelliert an die Gewerkschaften, diese Lohnsteigerung im Jahr 2022 zur Kenntnis zu nehmen und gegenüber den Arbeitnehmenden transparent und faktenbasiert zu kommunizieren. Unternehmer sollen weiterhin selbst entscheiden, wie sie Arbeitsleistungen honorieren und in welchem Umfang sie die Inflation kompensieren.

Die Lohnerhebung 2022 wurde per Stichtag Ende Februar durchgeführt, jene aus dem Vorjahr per Ende Juli. Das Bauhauptgewerbe ist eine saisonale Branche, so dass im Winter weniger Personen arbeiten als im Sommer. Durch diese unterschiedlichen Erhebungszeitpunkte wird das Lohnwachstum statistisch betrachtet leicht erhöht, nämlich um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte. Dies betrifft jedoch nicht das qualifizierte Personal, weil bei diesen Berufen ein starker Fachkräftemangel herrscht.

Zu den Ergebnissen der Lohnerhebung

Mehr Flexibilität im Berufsalltag und bessere Vorarbeit und Planung von Bauherren und Planern sind wichtige Bedürfnisse auf dem Bau. 

Auf der Baustelle weniger Planungsfehler ausbaden müssen. 

Vom 22. September bis 7. November 2021 haben 563 Poliere an der Umfrage teilgenommen. Die Ergebnisse überraschen: 92 Prozent beklagen den Zeitdruck wegen unrealistischen Zeitvorgaben bei öffentlichen Ausschreibungen. Sie wünschen sich höhere Qualität bei den Planerarbeiten und mehr Professionalität der Bauherrschaft. Mangelhafte Pläne müssten der Polier und das Baustellenpersonal spontan vor Ort ausgleichen. Eine bessere gemeinsame Planung vor Baubeginn wäre wichtig. Kritisiert wird auch der intensive Preiswettbewerb bei öffentlichen Projekten. Gut hat sich der SBV bei der Revision des öffentlichen Beschaffungswesens erfolgreich für den Paradigmenwechsel weg vom Preis- hin zum Qualitätswettbewerb eingesetzt. 

Flexiblere Arbeitszeiten für mehr Freiheiten privat und im Beruf. 

Drei von fünf Polieren möchten ihren Berufsalltag und ihre Freizeit zeitlich flexibler gestalten. Das zeigt eine im Oktober 2021 durchgeführte Umfrage. Vier von fünf bemängeln, dass dies bei ihrem Arbeitgeber noch kaum möglich ist. Hier sollten Baufirmen ansetzen, um für ihre Mitarbeiter attraktiver zu werden. Abhilfe könnte ein Jahresarbeitszeitkonto schaffen. Wer im Sommer mehr arbeitet, kann im Winter die Zeit kompensieren und auf eine Reise oder die Skipiste gehen. Flexibilität wäre auch hilfreich, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Allerdings: Zwei Drittel wollen an ihrem 100-Prozent-Pensum festhalten. Ein Drittel wünscht sich einen 80-Prozent-Job, Vereinzelte weniger als 80 Prozent. 

Leistung soll sich lohnendoch ist Lohn nicht Sorge Nummer 1 

Die Rückmeldungen widerlegen die Vermutung, dass vermeintlich zu tiefe Löhne Auslöser für den Fachkräftemangel ist. Obwohl explizit nach der Lohnzufriedenheit gefragt worden ist, stehen andere Problemfelder im Vordergrund. 68 Prozent sind mit ihrem Lohn zufrieden bis sehr zufrieden. Nur 32 Prozent finden, dass ihr Lohn gemessen an ihrer eigenen Leistung eher nicht fair ist. Denn Berufserfahrung, gute Leistung und Weiterbildung sorgen auf dem Bau rasch für individuelle Lohnerhöhungen. Mit jedem Arbeitsjahr zahlt sich Bildung stärker aus: Während ein 30-jähriger Polier 90000 Franken pro Jahr verdient ein gleichartiger Hilfsarbeiter erhält 70000 Franken steigt der Polierlohn bis 60 auf 105000 Franken. 

Mehr Flexibilität im Berufsalltag und bessere Vorarbeit und Planung von Bauherren und Planern sind wichtige Bedürfnisse auf dem Bau. 

Angestrebt wird ein neuer moderner Vertrag. Klappt das nicht, kommen Schutzmechanismen zur Anwendung, die auch für Bauarbeiter greifen.

2022 verhandeln die Gewerkschaften und der Schweizerische Baumeisterverband einen neue Landesmantelvertrag für das Bauhauptgewerbe. Die Baumeister wollen per Ende Jahr einen neuen Vertrag abschliessen. Doch das Beispiel der Schreiner zeigt, dass sich Sozialpartner nicht immer auf Anhieb auf einen neuen Gesamtarbeitsvertrag einigen können. Der SBV hat deshalb untersucht, welche diversen Schutzmechanismen bestehen, damit die Baustelle auch bei einem allfälligen vertragslosen Zustand ein arbeitnehmerfreundlicher Arbeitsplatz bleibt mit guten Arbeits- und Lohnbedingungen sowie vielfältigen Karrierechancen. So zeigt eine Studie des Wirtschaftsprofessors George Sheldon, dass dank den Gesetzen von Bund und Kantonen ein vertragloser Zustand die Umsätze, die Margen und das Lohnniveau kaum tangieren würde. Wichtig sind zudem praxistaugliche Branchenlösungen.

Löhne würden auch ohne LMV stabil bleiben – Lohnerhöhungen sind möglich.

Normalarbeitsverträge auf Bundes- und Kantonseben sorgen bei einem vertragslosen Zustand dafür, dass die Mindestlöhne stabil bleiben. Professor Sheldon rechnet mit einem flexibleren Lohnsystem, dank dem die individuellen Löhne der Leistungsträger und Fachkräfte steigen.

Weiterbildung lohnt sich mehr denn je

Sich weiterzubilden lohnt sich bei einem vertragslosen Zustand noch mehr. Dank Wegfall der jährlichen Verhandlungen der Sozialpartner über Mindestlöhne haben die Firmen mehr Freiheiten beim Verteilen der Lohnsumme im Betrieb. Davon profitieren Vorarbeiter oder Polier, die dank ihrer Weiterbildung auf dem Arbeitsmarkt sehr gesucht sind.

Gute Rahmenbedingungen, um Arbeitsplätze zu erhalten

Die Rahmenbedingungen für Bauunternehmen und deren Arbeitsplätze sind auch bei einem vertragslosen Zustand gut. Ein engmaschiges gesetzliches Regelwerk bietet Schutz vor ausländischer Billigkonkurrenz. Dies ist wichtig, um die im internationalen Vergleich sehr gut bezahlten Arbeitsplätze zu erhalten.

Angestrebt wird ein neuer moderner Vertrag. Klappt das nicht, kommen Schutzmechanismen zur Anwendung, die auch für Bauarbeiter greifen.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mehr gemeinsame Interessen, als gemeinhin angenommen wird. Wenn in Verhandlungen über einen neuen Landesmantelvertrag jeweils zugespitzte Forderungen präsentiert werden – was häufig der Fall ist – kann der Eindruck entstehen, dass kaum Gemeinsamkeiten bestehen. Nicht selten jedoch sind Bauarbeiter den Bedürfnissen ihrer Arbeitgeber näher als den Fundamentalforderungen der Gewerkschaften. Bei den aktuellen LMV-Verhandlungen versucht die SBV-Delegation deshalb auf gemeinsamen Interessen aufzubauen. Mit einer Artikelserie beleuchten wir die gemeinsamen Interessen. In Teil 3 geht es darum, wie wichtig es ist, mit weniger starren Regeln im LMV gegen Druck und Hektik auf dem Bau vorzugehen. Wir haben uns auf Baustellen herumgehört, was für einen Arbeitsplatz sich das Baustellenpersonal wünscht.

«Nicht ständig selber unter Druck setzen»

Auf der Baustelle herrscht oft Termindruck. Die Leidtragenden sind die Arbeiter. Der Stress und Termindruck komme häufig von aussen, sagt Christoph Felder. Er ist Polier bei der Birrer Bauunternehmung AG in Knutwil. «Aber auch wir im Betrieb müssen uns an der Nase nehmen und uns nicht ständig selber unter Druck setzen», ergänzt er.

Mut zum Stopp

Simon Schuler, Polier bei der Porr Suisse AG in Altdorf, ist mit dieser Situation bestens vertraut: «Oft stellt man an uns den Anspruch, dass die Bauarbeiten «schon gestern» abgeschlossen sein sollten. Das erhöht die Unfallgefahr.» Schuler wünscht sich, dass man den Mut hat, einfach mal Stopp zu sagen und erst dann mit der Arbeit zu beginnen, wenn alle erforderlichen Unterlagen vorhanden sind. Die Bauunternehmen sind gefordert, Aufträge zu holen und so Arbeitsplätze zu erhalten. Doch ab welchen Vorgaben und mit welchen Qualitätsmängeln in der Planung lohnt es sich Projekte abzulehnen?

Ideal wäre mehr Flexibilität

Ideal wäre ein LMV, der mehr Flexibilität erlaubt. Lieber einer eingespielten Bauequipe bei einem Wetterumschwung den Nachmittag freigeben und die Arbeiten bei besseren Verhältnissen am nächsten Tag abschliessen. Das ist besser, als starr auf den Arbeitszeiten zu beharren und das ganze Projekt finanziell und terminlich unter Druck zu setzen. Denn gäbe es beim Erstellen der Arbeitspläne mehr Möglichkeiten hilft dies auch den Arbeitnehmenden. Stattdessen sorgen starre LMV-Regeln für zusätzliche Hektik und in Extremfällen sogar zum Zwang, dass ein Unternehmen in Arbeitsspitzen mit überdurchschnittlich vielen offenen Aufgaben auf Temporäre und Quereinsteiger ausweichen muss.

«Gesunder Menschenverstand»

Kann eine Baustelle grossmehrheitlich mit Festangestellten betrieben werden, stehen an jedem Arbeitstag Leute auf der Baustelle im Einsatz, für welche Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit keine Fremdwörter sind. Gemäss Dalibor Stojanovic sorgen die Unternehmen mit regelmässigen Schulungen dafür, dass sich ihre Mitarbeitenden auf der Baustelle selber schützen und Unfälle vermeiden können. Der Polier der Ineichen AG Zug hält die Weisungen der Suva oder Regelungen im Gesamtarbeitsvertrag für «gut und recht»: «Wir müssen aber auch den gesunden Menschenverstand walten lassen. Damit lassen sich bereits viele Unfälle vermeiden.»

Es ist genau dieser gesunde Menschenverstand, von dem sich der SBV auch in den LMV-Verhandlungen leiten lassen will zum Wohle des Baustellenpersonals.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mehr gemeinsame Interessen, als gemeinhin angenommen wird.

 

Wenn in Verhandlungen über einen neuen Landesmantelvertrag jeweils zugespitzte Forderungen präsentiert werden – was häufig der Fall ist – kann der Eindruck entstehen, dass kaum Gemeinsamkeiten bestehen. Nicht selten jedoch sind Bauarbeiter den Bedürfnissen ihrer Arbeitgeber näher als den Fundamentalforderungen der Gewerkschaften. Bei den aktuellen LMV-Verhandlungen versucht die SBV-Delegation deshalb auf gemeinsamen Interessen aufzubauen. Mit einer Artikelserie beleuchten wir die gemeinsamen Interessen. In Teil 4 geht es darum, wie wichtig es ist, dass der LMV Baustellen-tauglicher wird. Wir haben uns auf Baustellen herumgehört, in welchen Punkten der LMV derzeit eine (zu) schwierige Lektüre ist.

 

«Der LMV ist heute zu kompliziert»

«Die Beachtung und Einhaltung der LMV-Vorschriften ist besonders für kleinere Betriebe mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden», sagt Felix Bissig von der Porr Suisse AG in Altdorf. «Sie müssen sich erst einen Überblick über die zahlreichen Artikel und Anhänge verschaffen und dann die Zusammenhänge kennen.» Die Bestimmung der Lohnklasse und Lohnhöhe erfordert etwa das Zusammenspiel von Art. 42 f. und den Anhängen 9 und 15. Der LMV ist heute zu kompliziert und hat zu viele Detailvorschriften. Das schwächt seine Wirkung stark.

 

«Unfair» 

Simon Schuler von der Porr Suisse AG stört sich an gewisse Mechanismen beim Lohn: «Viele aus unserem Team sind schon lange im Betrieb und haben ihre Baustellen im Griff. Ich finde es unfair, wenn Temporäre oder Quereinsteiger automatisch jedes Jahr mehr Lohn erhalten, bevor sie sich bewährt haben.»

 

«Die Texte sind oft zu lang» 

Christoph Felder von der Birrer Bauunternehmung AG in Knutwil ist froh, dass das Bauhauptgewerbe über einen grosszügigen LMV verfügt. Man merke aber, dass die Texte von Leuten verfasst wurden, die noch nie auf einer Baustelle gearbeitet haben. «Warum schreibt man die Regeln nicht so, dass auch ein Maurer sie beim ersten Durchlesen versteht und weiss, was gilt?», fragt Felder. «Zudem sind die Texte oft zu lang.» Der Art. 64 über die Krankentaggeld-Versicherung umfasse ganze vier Seiten. Und die Regelung der Überstunden (Art. 26) sorge immer wieder für Diskussionen.

 

«Bitte einfacher und kürzer» 

Dalibor Stojanovic von der Landis Bau AG in Zug spricht den Art. 25 über die wöchentliche Arbeitszeit und Schichtarbeit an, der sich über drei Seiten erstreckt. «Alle diese verschiedenen Details… Es muss doch möglich sein, einfacher und kürzer zu bleiben, damit ich in jeder Woche weiss, ob mein Arbeitsplan den LMV-Regeln entspricht oder nicht».

Um die Anforderungen der modernen Arbeitswelt erfüllen zu können, muss der LMV kürzer und unbürokratischer werden. Der SBV wird sich in den LMV-Verhandlungen für eine Vereinfachung einsetzen – wie es sich in der Polierstudie vom Herbst 2021 vier von fünf Polieren wünschen!

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mehr gemeinsame Interessen, als gemeinhin angenommen wird. Mit einer Artikelserie beleuchten wir die gemeinsamen Interessen. In Teil 2 geht es darum, wie wichtig es ist, ältere Arbeitnehmer möglichst im Betrieb beziehungsweise im Arbeitsleben zu halten. Der SBV engagiert sich für Mitarbeitende über 50. Er will mit LMV-Anpassungen ihre Jobchancen verbessern. Und er macht mit beim Projekt focus50plus das der Schweizerische Arbeitgeberverband SAV für die Verbesserung der Situation älterer Arbeitnehmer für die gesamte Wirtschaft ins Leben gerufen hat. Es ist wichtig die Arbeitsmarktfähigkeit Über-50-Jähriger zu erhalten und – manchmal nötig – ältere Mitarbeitende wieder einzugliedern, erklärt Simon Wey, SAV-Chefökonom im Gespräch.

 

Was genau ist focus50plus und wie hilft es den Betroffenen?

Focus50plus ist eine Initiative von der Wirtschaft für die Wirtschaft. Wir wollen Fragen zum Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit, zur Wiedereingliederung von älteren Mitarbeitenden sowie zur Weiterarbeit über das ordentliche Pensionsalter hinaus mit Firmenvertreterinnen und Firmenvertretern besprechen und sie für diese Themen sensibilisieren. Auch bieten wir Firmen mit Handlungsbedarf Dienstleistungspartner an, die sie beispielsweise bei den Standortbestimmungen mit älteren Mitarbeitenden unterstützen können. Auch wollen wir mit Interviews gute Beispiele von Arbeitgebern, von Arbeitnehmenden und von Dienstleistern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, so dass sich davon auch andere inspirieren lassen können. Oft gibt es schon gute und erprobte Lösungen, nur weiss niemand davon.

 

Und in welchen Bereichen können Integrationsfortschritte nur über GAV-Anpassungen erzielt werden?

GAVs können, wo sinnvoll, ein Mittel sein, um Massnahmen zur Unterstützung von älteren Arbeitnehmenden zu verankern. Wir sehen jedoch für die Umsetzung von Massnahmen im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden keine Notwendigkeit, dies in einem GAV zu tun.

 

Die Herausforderung im Bauhauptgewerbe ist, dass die älteren Bauarbeiter aufgrund der hohen Lohn- und Lohnnebenkosten gegenüber jüngeren mit zunehmendem Alter und abnehmender Leistungsfähigkeit systematisch ins Abseits gedrängt werden.

Es kann für den Betrieb wie auch für die Mitarbeitenden von Vorteil sein, wenn das jeweilige Arbeitsmodell überdacht wird. Eine mögliche Lösung könnte dann beispielsweise sein, dass der Mitarbeitende im Sinne einer Bogenkarriere sein Pensum und/oder den Verantwortungsbereich bei etwas tieferem Einkommen reduziert, dafür wieder gefestigter im Arbeitsverhältnis und unter Umständen auch zufriedener ist. Somit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Mitarbeitender über das Alter hinaus weiterarbeitet, ab dem in seiner Branche der Bezug einer Frührente wie dem FAR im Bauhauptgewerbe möglich ist.

 

Was halten Sie davon, dass im Bauhauptgewerbe ein Arbeitnehmer bei einer Neuanstellung nur zum Lohn angestellt werden kann, den er an der vorherigen Stelle hatte? Ist dies ein Instrument, um das ungerechtfertigte Drücken des Lohns zu verhindern oder ist das nicht vielmehr ein grosser Nachteil für ältere Mitarbeitende, die gar nicht mehr in den Job zurückkommen können?

Der Lohn ist immer nur eine Komponente eines ganzen Strausses von Kompensationsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden. Trotzdem kann eine solche Regelung zuungunsten der Mitarbeitenden sein. Denn es kann ja durchaus sein, dass ein Betrieb zwar einen etwas tieferen Lohn anbietet als der vorherige Betrieb, er dafür aber bessere Nebenleistungen wie eine tiefere wöchentliche Arbeitszeit, eine bezahlte Anfahrtszeit oder anderweitige Vorteile für die Mitarbeitenden bietet.

 

Damit es gar nicht erst zum Jobverlust kommt, strebt der SBV an, durch Schulung und Weiterentwicklung ältere Arbeitnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu halten. Wie vielversprechend ist das?

Sie sprechen einen zentralen Punkt an. Im Wissen darum, dass ältere Arbeitnehmende, die ihre Stelle verlieren, mehr Zeit benötigen bis sie wieder eine Stelle finden als jüngere Jahrgänge, setzen wir den Fokus bei focus50plus speziell auf den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Dies ist im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden. Denn wie Untersuchungen zeigen, muss der Mitarbeitende bei einem Stellenverlust in den meisten Fällen grosse Einkommenseinbussen in Kauf nehmen und der Arbeitgeber verliert viel firmenspezifisches Know-how. Finden sich die beiden, so stellen sich im Regelfall beide besser als sie es bei einer Kündigung tun würden. Es ist deshalb zentral, dass regelmässige Standortbestimmungen in den Betrieben stattfinden.

 

Wie kann das von Ihnen vorgeschlagene Standortgespräch aber Wirkung erzeugen, wenn durch den LMV generell für eine ganze Branche bis in die Detail der Kündigungsschutz geregelt ist, kein Spielraum beim Lohn besteht und es auch keine Möglichkeiten für flexiblere Arbeitszeiten gibt?

Zentral ist, dass die Arbeitgeber und die älteren Mitarbeitenden frühzeitig für beide Seiten vorteilhafte Lösungen evaluieren und umsetzen – was nur möglich ist, wenn ihnen der Gesamtarbeitsvertrag ihrer Branche die entsprechende Flexibilität erlaubt. Denn eine Standardlösung für sämtliche Branchen und Betriebe gibt es nicht.

 

Schulung und Weiterentwicklung entscheidend

 

Der SBV teilt die Ansichten von Simon Wey. Unser gemeinsames Interesse ist es, ältere Arbeitnehmer durch Schulung und Weiterentwicklung für den Arbeitsmarkt fit und arbeitsmarktfähig zu halten. Für ältere Arbeitnehmer, die die Stelle verloren haben, sollen die Hürden für den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozessalltag möglichst tief gesetzt werden. Ansatzpunkte wären hier innovative Arbeitsmodelle für langjährige Festangestellte und individuell angepasste Weiterbildungsmöglichkeiten.

Autor: Martin Maniera

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mehr gemeinsame Interessen, als gemeinhin angenommen wird. Wenn in Verhandlungen über einen neuen Landesmantelvertrag jeweils zugespitzte Forderungen präsentiert werden – was häufig der Fall ist – kann der Eindruck entstehen, dass kaum Gemeinsamkeiten bestehen. Nicht selten jedoch sind Bauarbeiter den Bedürfnissen ihrer Arbeitgeber näher als den Fundamentalforderungen der Gewerkschaften. Bei den aktuellen LMV-Verhandlungen versucht die SBV-Delegation deshalb auf gemeinsamen Interessen aufzubauen. Mit einer Artikelserie beleuchten wir die gemeinsamen Interessen. In Teil 5 geht es darum, wie wichtig es ist, Fachkräfte in der Branche zu halten, indem man ihnen eine ausgeglichene Work-Life-Balance ermöglicht. Dies ist vor allem ein grosses Bedürfnis der Generation Z, wie Professorin Dr. Antje-Britta Mörstedt erklärt.

 

Generation Z sucht sinnvolle Tätigkeit

Bei der Generation Z gibt es einen starken Wertewandel. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung werden viel stärker gewichtet als früher. «Die Jugendlichen wollen nicht einfach einen Beruf, der ihnen Geld bringt, sie wünschen sich, dass ihre Tätigkeit gleichzeitig sinnvoll ist», hält Professorin Dr. Antje-Britta Mörstedt fest. Mörstedt forscht an der Privaten Hochschule Göttingen zur Generation Z. Eine ihre Erkenntnisse: die Vertreter der Generation Z können sich schlechter konzentrieren als frühere Generationen. Sie sind auch weniger in der Lage, sich in Aufgaben zu vertiefen, sich durchzubeissen, wenn es Durchhaltewillen braucht.

 

Mehr Anerkennung für handwerkliche Berufe nötig

Ein weiteres Alarmzeichen für die Baubranche: Das Interesse an handwerklichen Berufen schwindet, weil die Gesellschaft der Jugend eintrichtert, dass nur ein Studium einen sicheren, guten Beruf garantiert. Es liegt in der gesellschaftlichen Verantwortung, den handwerklichen Berufen wieder ihre Würde zu geben. «Eine Berufslehre in einem handwerklichen Beruf muss wieder mehr Anerkennung erhalten», fordert Professorin Mörstedt.

 

Ausbildung digitaler gestalten

Die Schulen sind ein weiterer wichtiger Faktor. 50 Prozent der Jugendlichen lernen ausschliesslich mit Youtube für die Schule. Auch die anderen gehen regelmässig rein und suchen sich einen Kanal aus, der sie so informiert, wie sie es wünschen. Bildungsstätten sollten entsprechend ihre Ausbildungsangebote digitaler gestalten und die Jugendlichen dort abholen, wo sie am liebsten lernen. Die Baubranche selbst sollte den Jugendlichen unbedingt vermitteln, dass es toll ist, wenn man die Ergebnisse seiner eigenen Arbeit sehen kann, und dass es schön ist, etwas mit den Händen zu erschaffen.

 

Mitarbeiterwerbung online und offline

Die Generation Z liebt es, in einem kollegialen, familiären Umfeld zu arbeiten. Bauunternehmer sollten herausstreichen, dass junge Menschen bei ihnen genauso ein Umfeld vorfinden. Zudem sollten sie sich auf Youtube und Instagram präsentieren. Aber eine Online-Präsenz ist nicht alles. Es braucht weiterhin Tage der offenen Türe, an dem junge Menschen auf Lehrstellensuche Betriebe besichtigen können. Mitarbeiterwerbung sollte nach wie vor auch offline stattfinden.

 

Spezifische Projekte statt vollständige Laufbahn im Fokus

Eine weitere wichtige Erkenntnis von Mörstedt: Die Generation Z plant keine ganze Laufbahn, sie denkt vielmehr in Projekten. Sie sucht sich immer wieder Projekte, die sie begeistern, für die sie sich eine Zeit lang engagiert. «Die Baubranche ist dafür doch toll geeignet», findet die Professorin. Daneben bestehe aber ein grosser Wunsch darin, «zu leben, zu leben und nochmals zu leben». Deshalb erscheint es vielen Jugendlichen nicht als erstrebenswert, allzu hoch die Karriereleiter hochzusteigen. Die Baufirmen werden gefordert sein, ein neues Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit anzubieten.

 

Work-Life-Balance und gezielte Förderung entscheidend

Der SBV teilt die Ansichten von Professorin Dr. Antje-Britta Mörstedt. Unser gemeinsames Interesse ist es, dass eine ausgeglichene Work-Life-Balance künftig einfacher und individuell flexibler erreicht werden kann. Und ebenso wichtig ist es, dass mit gezielter Förderung und Aus- und Weiterbildung die Arbeitnehmer fit gehalten werden. Beides sind Grundvoraussetzungen, dass die bewährten Fachkräfte dem Bauhauptgewerbe erhalten bleiben und nicht in andere Branchen abwandern. Hierzu muss aber der LMV flexibler werden, damit er nicht dem saisonalen Freizeitvergnügen oder dem Weiterbildungsmodul im Wege steht.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mehr gemeinsame Interessen, als gemeinhin angenommen wird. Wenn in Verhandlungen über einen neuen Landesmantelvertrag jeweils zugespitzte Forderungen präsentiert werden, kann der Eindruck entstehen, dass kaum Gemeinsamkeiten bestehen. Nicht selten jedoch sind Bauarbeiter den Bedürfnissen ihrer Arbeitgeber näher als den Forderungen der Gewerkschaften. Bei den aktuellen LMV-Verhandlungen versucht die SBV-Delegation deshalb auf gemeinsamen Interessen aufzubauen. Mit dieser Artikelserie beleuchten wir die gemeinsamen Interessen. In Teil 6 geht es um die Bedeutung der Fachkräfte und insbesondere darum, diese wichtigen Arbeitnehmer in der Branche zu halten. Beispielsweise gelingt dies, in dem mit gezielter Förderung und Aus- und Weiterbildung die Arbeitnehmer motiviert und fit für den Arbeitsmarkt gehalten werden. Der Parifonds Bau bietet zielgerichtete Bildungsleistungen für das Bauhauptgewerbe an, wie Hanspeter Egli, Vizepräsident des Parifonds Bau und Vizepräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands, im Interview erklärt.

 

Wer finanziert den Parifonds?

Hanspeter Egli: Die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer des LMV und des Baukadervertrages, wobei die Arbeitgeber 0,5 Prozent und die Angestellten 0,7 Prozent der Suva-Lohnsumme entrichten.

 

Der Parifonds Bau besteht aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern – wie verläuft die Zusammenarbeit mit den Vertretern der Arbeitnehmerseite?

Im Vorstand und Ausschuss werden vorwiegend Sachgeschäfte und keine politischen Geschäfte behandelt. Hier gilt es die Gelder zweckdienlich und haushälterisch einzusetzen. Die Zusammenarbeit ist eingespielt und konstruktiv.

 

Der Parifonds Bau gibt rund 60 Prozent der Ausgaben für den Bildungsbereich aus. Welche Kurse sind dies?

Im Bildungsbereich sind unter anderem Beiträge für die berufliche Grund- und Weiterbildung, für Kran- und Baumaschinenführerausbildungen, für Chauffeurzulassungen, für Aktivitäten im Bereich Arbeitssicherheit und für Sprach- und Qualifizierungskurse ausgerichtet worden. Unterstützt werden ebenso die Lehrlings-, Vorarbeiter- und Polierausbildung, aber auch Lehrlingslager und die Werbung für den Berufsnachwuchs. Mit diesen Beiträgen bleiben die Angestellten des Bauhauptgewerbes fit für den Arbeitsmarkt.

Die restlichen rund 30 Prozent werden für den Vollzug des LMV gebraucht, für den wir einen gesetzlichen Auftrag haben.

 

Nehmen viele Mitarbeiter die Möglichkeit wahr, eine Weiterbildung vorzunehmen?

Im Jahr 2019, also vor Corona und den damit verbundenen Einschränkungen, wurden 27 300 Leistungsgesuche verarbeitet. Im Jahr werden durchschnittlich 1121 Franken pro Leistungsgesuch ausbezahlt. Es gibt über 700 Kursanbieter und Ausbildungsinstitutionen.

 

Gibt es auch Kurse zum Umgang mit Kranen und Baumaschinen?

Krane und Baumaschinen sind von Baustellen nicht wegzudenken. Sie erleichtern und beschleunigen die Arbeit. Der Einsatz dieser Arbeitsmittel ist mit Unfallrisiken verbunden. Um diese zu minimieren, ist die systematische Instruktion der Kran- und Baumaschinenführer besonders wichtig. Hierzu wurde der Verein K-BMF gegründet, welcher die Ausbildung zum Kran- oder Baumaschinenführer gesamtschweizerisch vereinheitlicht und reglementiert. Die Träger sind der SBV, Unia und Syna.

 

Welche anderen Gründe – neben der Arbeitssicherheit – sprechen für eine Weiterbildung?

Nicht nur in der IT erfahren wir eine rasante Entwicklung. Auch der Bau schreitet mit enormen Fortschritten voran. Sei es im Bereich der Digitalisierung, in der Mechanisierung oder in der Spezialisierung. Hier gilt es Schritt zu halten und sich laufend weiterzubilden. Gut ausgebildete Fachkräfte sind gesucht und geniessen eine grosse Wertschätzung. Mit einer Ausbildung zum Vorarbeiter oder zum Polier kann man sich beruflich und persönlich weiterentwickeln. Es gibt, so behaupte ich, kein vergleichbares Förderprogramm auf dem zweiten Bildungsweg wie bei uns im Bauhauptgewerbe. Es gilt den Ball aufzunehmen und die Chancen zu packen.

 

Lohnt sich eine Weiterbildung auch für Beschäftigte, die 50 Jahre oder älter sind?

Auf jeden Fall. Ältere Mitarbeitende können sich so auf neue, körperlich weniger anstrengende Tätigkeiten spezialisieren. Den Sozialpartnern ist es ein grosses Anliegen, dass Mitarbeitende des Bauhauptgewerbes auch mit über 50 Jahren noch eingestellt werden und beschäftigt bleiben können.

Der SBV teilt die Ansichten von Parifonds-Vizepräsident Hanspeter Egli. Ein gemeinsames Interesse der Sozialpartner ist es, mit gezielter Förderung sowie Aus- und Weiterbildung die Arbeitnehmer fit für den Arbeitsmarkt zu halten. Ein weiteres gemeinsames Interesse ist es, eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu ermöglichen. Damit verbunden ist auch die flexiblere Gestaltung des LMV. Dies sind Grundvoraussetzungen, damit die bewährten Fachkräfte den einzelnen Betrieben und dem Bauhauptgewerbe erhalten bleiben.

«Mit einem flexiblerem LMV könnten Arbeiten besser geplant werden ohne unnötige Risiken. Private Interessen und Beruf wären einfacher kombinierbar.»

 

Liebe Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter.

 

Die dritte Ausgabe der «Baunews» zeigt, wie sehr sich die Interessen des Baustellenpersonals und der Baumeister ähneln. Ein wichtiges Anliegen: Ein flexiblerer LMV, der zwischen Vorgesetztem und Angestellten vor Ort im Betrieb unkompliziert Handlungsspielraum lässt für beidseitig gute Lösungen. Arbeiten auf dem Bau könnten besser geplant werden ohne unnötige gesundheitliche und finanzielle Risiken. Private Interessen und Beruf wären einfacher kombinierbar, ob man nun Schwinger, Lehrling oder Familienmensch ist.
Im Spätsommer wird wie zu jeder Jahreszeit der Arbeitsplan dem Wetter angepasst. Das Problem. Der derzeitige LMV ist starr und administrativ zu kompliziert. Er setzt dadurch Fehlanreize, weil bei Arbeitsanpassungen wegen Hitze, Kälte, Regen oder Wind die Baustellenequipe und das Projekt schnell mal terminlich und finanziell unnötig unter Druck geraten. Die allermeisten Bauarbeiter wünschen sich kein «Hitzefrei» oder «Kältefrei», die zu Lohneinbussen führen. Helfen könnte ein flexiblerer LMV, der nicht das Arbeiten an Tagen mit gutem Bauwetter erschwert.
Wichtig ist auch dem Baustellenpersonal ein gesundes Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatem. Es wünscht sich mehr Zeit für Familie und Freizeit. Flexibel arbeiten will auch Joel Ambühl. Der Baumaschinenführer ist erfolgreicher Schwinger und hat am Eidgenössischen Schwingfest teilgenommen. So viel Wohlwollen er im Betrieb geniesst: je flexibler der LMV, desto besser kann er Arbeitsplan und Trainingsplan abstimmen. Der SBV wird sich für ihn und alle anderen in den LMV-Verhandlungen für mehr Flexibilität einsetzen.

 

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und viel Erfolg im Arbeitsalltag.
Bernhard Salzmann, Direktor Schweizerischer Baumeisterverband

Eine hohe Erfolgsquote bei der Lehrabschlussprüfung ist nur möglich, wenn die Lernenden durch flexible Arbeitsplanung Freiräume erhalten. 

 

«Wenn du willst, dass Lernende gut werden, musst du viel kommunizieren und ihnen Vertrauen schenken. Sie sollen auch mal selbst entscheiden können. Das braucht natürlich Zeit und Flexibilität von Seiten des Arbeitgebers, aber das ist es mir wert», sagt der Bauunternehmer Flavio Torti. 1995 hat er in Reconvilier im Berner Jura die Torti Frères SA in vierter Generation von seinem Vater übernommen. Er beschäftigt 20 Mitarbeitende, darunter vier Lernende. Sein zweitgrösster Erfolg: 2018 stellte die Firma mit Eric Estevez den Schweizer Meister der Strassenbauer. Sein grösster Erfolg: «In meiner Zeit als Patron haben wir jeden unserer Lernenden zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis gebracht. Das war weiss Gott nicht immer einfach.» 

Die Strassenbauerlehrlinge Raphael Girod und Dan Lehmann erklären das Erfolgsrezept: «Wir haben eine schöne Ambiance, einen tollen Teamspirit und eine abwechslungsreiche Arbeit. Ausserdem hat bei uns jeder Lernende in den ersten beiden Jahren eine fixe Bezugsperson, die einem alles zeigt und der man immer Fragen stellen kann. So lernen wir schnell und gut.» Wenn es im Winter mal weniger zu tun gibt auf der Baustelle, können die Jungen im Werkhof an ihrem Arbeitsjournal arbeiten und Zeichnungen, Pläne oder Rapporte erstellen. 

Auch wer stark im Sport ist, wird bei der Torti Frères SA gefördert. Wie der langjährige Mitarbeiter Quentin Gerber (26), Eishockeyspieler beim 1.-Liga-Verein Tramelan. «Wenn ich mal spät von einem Auswärtsmatch zurückkehre, darf ich am folgenden Morgen ausschlafen. Ich soll fit und entspannt zur Arbeit erscheinen», sagt er. Dafür revanchiert er sich: «Wenn ich mal länger arbeiten muss, tue ich das gerne. Schon früher als Lehrling habe ich immer gute Leistungen erbracht. Und das mache ich weiter so. Es ist ein Geben und ein Nehmen, so lautet unsere Philosophie bei der Torti Frères SA.» 

 

Das grösste Ziel von Flavio Torti und seinem Team: Die hohe Erfolgsquote bei der Lehrabschlussprüfung soll fortgesetzt werden. Deshalb verfolgen sie die LMV-Verhandlungen aufmerksam. Torti erklärt: «Das Arbeitszeitmodell 23+, das der SBV vorschlägt, hätte viele Vorteile. Dazu gehört, dass wir den Lernenden noch einfacher Lernzeit zur Verfügung stellen könnten.» Um das zu ermöglichen, sollten die Unternehmen und die Arbeitnehmenden vor Ort auf der Baustelle und im Betrieb bezüglich Arbeitszeitplanung mehr Freiraum und Möglichkeiten erhalten. Es wäre ein Fehler, auf den heutigen starren Regelungen zu verharren. Mit diesen sollen theoretisch Einzelfälle geschützt werden, doch stattdessen werden dadurch bessere Lösungen für viele ambitionierte Angestellte auf dem Bau verhindert – unabhängig davon, ob diese nun Erfolge in der Lehrabschlussprüfung, an der Berufsmeisterschaft oder mit dem Eishockeyteam anstreben. 

Der Klimawandel könnte teuer werden: 25 Schlechtwettertage haben 1500 Franken Lohneinbusse zur Folge. Besser wäre ein flexibler LMV. 

Die Rechnung ist schnell gemacht: Wird für Arbeitsstunden, die wegen Hitze, Kälte, Regen oder Wind ausgefallen sind, eine Schlechtwettermeldung gemacht, erhält das Baustellenpersonal nur 80 Prozent des Lohns. Wenn ein Bauarbeiter mit 77’500 Franken-Jahreslohn wegen Schlechtwetter zehn Arbeitstage wetterbedingt verliert, bekommt er 600 Franken weniger. 

Das ist erst der Anfang, nimmt doch die Zahl der Schlechtwettertage wegen dem Klimawandel fortlaufend zu. In Zukunft drohen 25 Schlechtwettertage pro Jahr – und dem durchschnittlichen Bauarbeiter eine Lohneinbusse von 1500 Franken. 

Nur ein LMV mit mehr Spielraum bei der Gestaltung der Arbeitszeit verhindert wetterbedingte Lohneinbussen beim Baustellenpersonal. Stunden könnten ab 2023 konsequent bei gutem Bauwetter nachgeholt werden – mit 100 Prozent Lohn für alle. 

Das Wetter wird vermehrt zur Herausforderung auf den Schweizer Baustellen: «Starker Regen und Hagel nehmen zu, im Sommer ist es häufiger heiss», sagt Zeko Kamberi, Bauführer bei der Josef Wiederkehr AG. Dieser legt bei jedem Wetter Wert auf bestmöglichen Schutz seiner Mitarbeiter. Maurer Stefano Buttino nennt Beispiele: «Im Sommer bekommen wir ausreichend Sonnencrème und Wasser. Wir legen auch zusätzliche Pausen ein.» Im Winter schütze sich die Baustellenequipe mit hochwertiger Arbeitskleidung vor Wind und Kälte. Vor allem gilt: «Wir passen den Arbeitsplan dem Wetter an – wir gehen dann nicht Schneeschaufeln, sondern arbeiten in der Tiefgarage», sagt Buttino. 

Hilfreich wäre ein LMV mit mehr Spielraum, so dass sich Arbeitsstunden besser nachholen lassen. Zeko Kamberi: «Wir müssen die Arbeitspläne flexibler anpassen können» – die Equipe will keine Lohneinbussen wegen Schlechtwetterentschädigung.» Firmenchef Josef Wiederkehr ergänzt: «Unsere Mitarbeitenden verfügen über viel Erfahrung und können besser entscheiden, was gerade möglich ist, als Bürolisten, die sich an fixe Grenzwerte klammern.»  

Heute bestehen Fehlanreize, die dazu führen können, dass ein Bauprojekt terminlich und finanziell in Verzug gerät. Solche unnötigen Situationen könnten mit mehr Flexibilität und Handlungsspielraum auf den Baustellen vermieden werden. Es ist im Sinne aller Beteiligten auf dem Bau, wenn rasch und unbürokratisch vor Ort auf Witterungseinflüsse reagiert werden kann und die unterbrochene Arbeit mit der Equipe an einem anderen Tag nachgeholt wird. 

Chef und Team setzen sich ein, um dem Schwinger flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen. Zum Wohle der Bauprojekte wäre ein flexibler LMV hilfreich. 

 

Ende August kämpfte er am Eidgenössischen Schwingfest, nun sitzt er auf der Rösslimatt-Baustelle in Luzern wieder im Bagger: Der Schwinger, Maurer und Baumaschinenführer Joel Ambühl, der Bauberuf und Schwingsport lässt sich dank einem flexiblen Chef und viel Wohlwollen der Baustellenequipe gut kombinieren. «Ich darf früher Feierabend machen, wenn Massage, Physiotherapie- oder Medientermine anstehen». Und er revanchiert sich, in dem er selber flexibel ist: «Wenn ich mal früher weg muss, arbeite ich am nächsten Tag länger.» 

Thomas Niggli, Geschäftsführer der Aregger AG, ist stolz auf Ambühl: «Wir wollen ihn bestmöglich unterstützen», sagt er. «Wir setzen uns regelmässig zusammen und erstellen einen individuellen Arbeitsplan, damit er optimal trainieren kann.» Auch wenn ein Trainingslager anstehe, setze man alle Hebel in Bewegung, um ihm die Teilnahme zu ermöglichen. 

Der Wille seitens der Aregger AG, Joel Ambühls Wünsche bezüglich der flexiblen Arbeitszeiten zu erfüllen, ist gross. Die Umsetzung sei aber – insbesondere wegen der teils starren LMV-Regeln nicht immer einfach. Deshalb hofft man, dass das Arbeitszeitmodell 23+, das der SBV vorschlägt, im neuen LMV Eingang findet. Thomas Niggli: «Joël Ambühl ist in erster Linie Maschinist, und das soll er auch bleiben. Mit einer rollenden Planung können wir seine Bedürfnisse noch besser berücksichtigen.» Denn bei aller Affinität des Betriebs zum Schwingsport ist natürlich klar: «Das Bauprojekt darf natürlich nicht darunter leiden.», erklärt Niggli. Tat es bis jetzt auch nicht. «Wir haben noch immer einen Weg gefunden», sagt Niggli. Das bestätigt auch Polier Kevin Thalmann, Ambühls direkter Vorgesetzter: Er sei perfekt im Team integriert. Seine Kollegen nehmen es ihm nicht übel, dass er gelegentlich etwas früher von der Arbeit geht. Im Gegenteil. Ich finde, dass seine sportlichen Aktivitäten sogar eine zusätzliche Motivationsspritze sind für unsere Arbeit auf der Baustelle.» Garantiert noch mehr Motivation gäbe es dank mehr LMV-Flexibilität für alle auf dem Bau. 

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