Aus Excel Chaos wird Bauwerk: Wie Materius die Materialprüfung digitalisiert Excel-Listen, Zertifikate und manuelle Prüfungen kosten Zeit. Erfahren Sie, wie Materius die Materialprüfung digitalisiert und mehr Transparenz für Bauunternehmen schafft. Donnerstag, 10.9.2026 | 09:42 ... Schweizerischer Baumeisterverband Baumeister 5.0 Digitalisierung Aus Excel Chaos wird Bauwerk: Wie Materius die Materialprüfung digitalisiert BauTechTalk Folge 35 mit Mailin Jappé, CEO von Materius Der Bauschaum war schon verarbeitet, sauber aufgetragen auf dem Dach eines Schulhauses. Dann kam der Baustellenrundgang. Ein Abgleich mit den Anforderungen des Nachhaltigkeitszertifikats, und das Urteil stand fest: Dieser Schaum darf hier nicht bleiben. Rückbau. Die Kosten trug der Bauunternehmer, denn der steht laut Vertrag in der Haftung. Mit dieser Geschichte steigt unsere neue Folge ein, und sie führt direkt zur Frage, mit der Moritz das Gespräch mit Mailin Jappé eröffnet: Wie hätte man das verhindern können?Ihre Antwort ist unbequem. Nicht der Polier hat versagt, nicht die Bauleitung. Das System hat versagt. Wer heute ein Gebäude nach Minergie-ECO, SNBS oder SGNI zertifiziert, muss jedes Material nachweisen können. Die Vorgaben entstehen im Vorprojekt und wandern durch Ausschreibungen, die oft vage formuliert sind. Am Ende der Kette steht das ausführende Unternehmen: Es muss jedes Material anmelden, bevor es verbaut wird, und warten, bis ein Nachhaltigkeitsberater von Hand geprüft hat. Datenblatt anfordern, Excel-Liste führen, E-Mail schreiben. Mailin nennt diese Arbeit einen «Monkey Job». Gut ausgebildete Ingenieure, die eigentlich beraten wollen, wälzen stattdessen PDF-Dokumente. Auf der Baustelle herrscht derweil Zeitdruck. Solange niemand die Hand hebt, wird weitergebaut.Mailin Jappé kommt nicht vom Bau, und genau das macht ihren Blick wertvoll. Sie hat bei Acer das As-a-Service-Geschäft in Europa aufgebaut. Ihre Welt sind Daten, Plattformen und Kreislaufdenken. Materius ist aus der EBP Schweiz heraus entstanden, gegründet im Oktober 2025, seit März ist Gartenmann Engineering als zweiter Investor an Bord. Die Idee kam von den Nachhaltigkeitsberatern selbst. Sie wollten den Prüfjob loswerden, der ihnen die Zeit fürs eigentliche Beraten stiehlt.Wie ernüchternd die Datenwelt im Bau aussieht, hat Mailin selbst erst lernen müssen. «Ich dachte am Anfang: API-Schnittstelle. Ist ja einfach», erzählt sie im Gespräch und lacht. Die Realität: Nur ein Bruchteil der Hersteller kann seine Produktdaten über eine Schnittstelle liefern. Manche arbeiten noch mit Fax. Also fährt Materius mehrgleisig. Das Team liest Herstellerwebseiten automatisiert aus, bindet Quellen wie eco-bau, die Stiftung Farbe oder die Lignum-Liste ein und lässt Nutzer eigene Datenblätter hochladen. Die gefundenen Lücken spielt Materius den Herstellern zurück, etwa wenn die EAN-Nummer fehlt. Beim Sammeln hilft KI. Beim Entscheiden bewusst nicht: Ob ein Produkt konform ist, beantwortet ein regelbasiertes System, das klar Ja oder Nein sagen kann. Ein System, das vielleicht richtig liegt, aber nicht begründen kann warum, nützt auf der Baustelle niemandem.Bis hierhin klingt das nach einem Effizienzthema. Dann erzählt Mailin von ihren Gesprächen mit Bauherren, und das Thema kippt.«Bauherren sagen mir: Wir machen ein Zertifikat, weil wir nachhaltig bauen wollen. Aber im Bauprozess von fünf bis acht Jahren wissen wir nicht, was passiert. Das ist ein Black Hole. Am Ende bekomme ich das Zertifikat, aber ich weiss nicht, was verbaut worden ist.»Ein Zertifikat als Etikett auf einer Blackbox. Wer den Satz sacken lässt, versteht, warum es hier um mehr geht als um gesparte Stunden. Die Branche kennt dieses Muster schon. Vor fünfzig Jahren haben wir Asbest verbaut, flächendeckend und im besten Wissen der Zeit. Heute klopfen wir Fliesen ab und schicken Proben ins Labor, weil niemand aufgeschrieben hat, wo das Material steckt. Jedes Gebäude ist ein Langzeitspeicher unserer Entscheidungen. Die Frage ist nur, ob wir den Speicher lesen können. Hätte es Materius damals schon gegeben, sagt Mailin, wüssten wir heute auf Knopfdruck, wo das Asbest sitzt. Bei den Bauprodukten erfasst Materius heute über 60 Attribute. Der digitale Produktepass, der ab 2027 kommt, zielt in dieselbe Richtung. Mailin dämpft hier allerdings die Erwartungen: Bis alle Herstellerkategorien wirklich sauber liefern, rechnet sie mit zehn Jahren.Und was heisst das für uns Baumeister, hier und jetzt? Zuerst einmal: Materialprüfung ist kein Papierkram, sondern ein Haftungsthema. Wer Materialien auf den Bau bringt, die zurückgebaut werden müssen, zahlt. Dazu kommt eine Falle, die Erfahrung nicht löst: Die Farbe, die beim letzten Minergie-ECO-Projekt durchging, kann beim nächsten unzulässig sein, weil der Bauherr aus den rund zwanzig Anforderungen andere ausgewählt hat. Auf grossen Baustellen gibt es darum Schleusen und Fristen, zwei Wochen vor Anlieferung muss ein Material freigegeben sein. Die Realität sieht anders aus, das zeigt der Bauschaum auf dem Schulhausdach. Aufgefallen ist er nur, weil die Menge nicht zu übersehen war. Eine falsche Dämmung, längst überbaut, fällt erst auf, wenn am Ende die Innenraumluftmessung nicht hält. Dann beginnt die Suche nach dem Verursacher, und dann wird es richtig teuer.Mailins Vision setzt deshalb früher an: Anforderungen schon in der Submission maschinenlesbar machen, damit jedes ausführende Unternehmen seine Produkte vorprüfen kann, bevor es offeriert. Noch ist das Zukunftsmusik. Ihr Aufruf an die Branche ist es nicht. «Es muss in die Anwendung kommen. Ansonsten bleibt es gedacht», sagt sie am Ende der Folge. Wer ein Projekt hat, bei dem unklar ist, welche Materialien erlaubt sind, kann sich direkt bei Materius melden und die Plattform testen. Das YouTube Video ist unten verlinkt. Hier geht es zum Spotify-Link. Und in einem Jahr holen wir Mailin zurück ins Studio und fragen nach, was aus dem Black Hole geworden ist. Über den Autor Mario Sülz mario.suelz@baumeister.ch Artikel teilen
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