«Bauen wird Bestand haben, schlichtweg, weil es ein menschliches Grundbedürfnis abdeckt» Donnerstag, 15.5.2025 | 06:00 ... Schweizerischer Baumeisterverband Der SBV «Bauen wird Bestand haben, schlichtweg, weil es ein menschliches Grundbedürfnis abdeckt» Der gebürtige Puschlaver Gian-Luca Lardi ist Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbands SBV. Im Gespräch mit der Engadiner Post/Posta Ladina äussert sich der 55-Jährige zu Bautradition und Bausünden, zum Landesmantelvertrag mit den Gewerkschaften, zu Einsprachen und zum Bauen in Schutzgebieten. Und sagt, warum es im Beruf mehr Frauen braucht.Engadiner Post/Posta Ladina: Gian-Luca Lardi, Sie sind in Poschiavo aufgewachsen, sind mit 16 nach Disentis ins Gymnasium gekommen, haben im In- und Ausland Karriere gemacht und leben seit rund 20 Jahren im Tessin. Wie oft sind Sie heute noch auf der Piazza in Poschiavo anzutreffen?Eigentlich viel zu selten. Ich würde natürlich gerne öfters dort sein. Es ist meine Heimat, ich kann mich in Poschiavo sehr gut erholen und bin üblicherweise mehrere Male im Jahr dort. Vor allem im Sommer verbringe ich jedes Jahr mehrere Wochen entweder in Poschiavo selbst oder auch in der Val di Campo. Die Verbindung in die Heimat ist immer noch sehr stark.Südbünden hat eine lange Bautradition und ist auch eine Art Hotspot der Architektur, was Veranstaltungen wie das Open Doors Engadin immer wieder beweisen. Wie nehmen Sie Bautradition und Architektur Ihrer alten Heimat wahr?Aus meiner Sicht ist das Bewusstsein für Architektur und Raumplanung in Graubünden insgesamt sehr ausgeprägt – abgesehen von einigen wenigen urbanen Orten. Vor allem in den Tälern und in Südbünden ist ein solches Bewusstsein sehr stark vorhanden. Vielleicht sogar stärker als anderswo in der Schweiz in vergleichbaren Gegenden. Das war allerdings nicht immer so. In den letzten Jahrzehnten, dagegen, wurde, wie ich es sehe, grossmehrheitlich mit Rücksicht auf die Landschaft und auch auf die Bautraditionen gebaut. Hier spielt auch die Materialwahl eine wichtige Rolle und man kombiniert die Materialien auch gut. So werden etwa Holz, aber auch Beton häufig so eingesetzt, dass es eben auch landschaftlich passt. Ich bin überzeugt, dass die Leute die hier leben und arbeiten sich auch bewusst sind, dass eine grosse Bauästhetik langfristig Graubünden als touristische Destination attraktiver macht.Wie steht es um die hiesige Innovationskraft?Sehr gut. Denken Sie nur an das Beispiel Mulegns und den Weissen Turm von Origen. Dies ist ein sehr innovativer Turm, der jetzt das höchste im 3D-Drucker gedruckte Betongebäude der Welt sein wird. Daran sieht man, dass die Lust, etwas Neues auszuprobieren und auch der Mut, innovativ zu sein, stark ausgeprägt ist. Dass die Öffentlichkeit so ein Projekt zulässt ist ja nicht selbstverständlich, zeigt aber, dass man hier offen ist gegenüber Neuem und dass Tradition und Innovation Hand in Hand gehen.… und um die Vergangenheitsbewältigung?Da darf nicht unerwähnt bleiben, dass wir natürlich auch gelernt haben, und weiterhin lernen müssen, gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Denken wir beispielsweise an St. Moritz und viele Bauten aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Es ist deshalb unsere Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte, dass wir diese Bausünden aus der Nachkriegszeit sukzessive korrigieren.Haben Sie eine Erklärung dafür, wann oder weshalb sich diese Wahrnehmung in der Bevölkerung geändert hat?Ich glaube, dass nicht nur im Bündnerland und in Südbünden, sondern insgesamt in der Schweiz, spätestens in den 1990er-Jahren eine Gegenbewegung angefangen hat hin zu einer spürbaren Bauästhetik und einer qualitativen Raumplanung. Das Pendel hat in Richtung Gleichgewicht und Bewusstsein für das kulturelle und architektonische Erbe umgeschlagen. Alles in allem glaube ich, dass wir jetzt sicherlich einiges besser machen als in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Hochbau, sondern auch für den Infrastrukturbau. Auch hier ist die öffentliche Hand ganz bewusst und sorgfältig an den Ausbau der Infrastruktur gegangen.An was denken Sie konkret?Beispielsweise an den Brückenbau und dort stellvertretend an die 525 Meter lange Sunnibergbrücke als Teil der Umfahrung von Klosters des Brückenbauers Christian Menn. Diese Brücke hätte man auch viel günstiger bauen können. Hier, und bei vielen anderen Bauwerken auch, hat aber der Kanton bewiesen, dass er nicht nur die finanzielle Effizienz schätzt, sondern auch den kulturellen Wert des Ingenieurwesens hoch gewichtet. Der Kanton Graubünden hat in den letzten Jahrzehnten vieles sehr gut gemacht.Bergregionen wie das Engadin verfügen witterungsbedingt über ein viel kürzeres Baufenster als beispielsweise das Tessin oder das Schweizer Mittelland. Was sagen Sie als Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbands den hiesigen Baumeistern, wenn Sie von diesen darauf angesprochen werden?Es sind dies Gegebenheiten lokaler Art, welche die Baubranche vor allem in den alpinen und hochalpinen Zonen vor grosse Herausforderungen stellen. Die Bausaisons sind kurz, Temperaturen und Wetter lassen das Bauen nur während einer begrenzten Zeit zu. Das heisst natürlich, dass Bauunternehmen, die in solchen Lagen tätig sind, eine viel grössere Flexibilität benötigen als solche die im Flachland oder auch im südlichen Teil des Tessins tätig sind. Wobei sich die Verhältnisse in der Leventina nicht stark von anderen Regionen Graubündens unterscheiden.Was können Sie tun, wie helfen?Beispielsweise, indem wir in unserem Landesmantelvertrag genügend Freiraum lassen, damit die Unternehmen dann bauen dürfen und bauen können, wenn gebaut werden kann. Das ist nicht nur ein Wunsch oder ein Bedürfnis der Arbeitgeber, sondern auch der Arbeitnehmer. Ein Bauarbeiter, der im Oberengadin im Sommer im Bausektor tätig ist, hat möglicherweise eine zweite, andere Anstellung im Winter. Das ist im Interesse aller und auch im Gesamtinteresse der Wirtschaft der Region und soll eben auch durch unsere Leitplanken zugelassen werden. Dafür setzen wir uns als Verband ein, auch wenn wir nicht immer nur auf offene Ohren und offene Türen stossen, sondern manchmal sogar ein bisschen auf den Tisch klopfen müssen für unsere Anliegen.Stichwort Landesmantelvertrag. Kürzlich haben die Gewerkschaften Unia und Syna Werbung für einen neuen Landesmantelvertrag der Baubranche gemacht, da der bestehende Ende Jahr ausläuft. Sie fordern mehr Lohn bei gleichzeitig kürzeren, familienfreundlicheren Arbeitszeiten. Was hält der SBV von diesen Forderungen?Verband und Baumeister bekennen sich selbstverständlich zum Landesmantelvertrag, stehen zu diesem und wollen diesen auch in Zukunft, sicher mittelfristig, beibehalten. Diese Botschaft haben wir den Gewerkschaften übermittelt. Aber wir beginnen ja erst mit den Verhandlungen, die sich dann in der zweiten Jahreshälfte konkretisieren dürften. Das Ziel ist ganz klar, wir wollen auch zukünftig einen Landesmantelvertrag haben.Dann bringen sich die Gewerkschaften mit der für den 17. Mai angekündigten Demonstration für die Verhandlungen lediglich in Position?Das scheint mir tatsächlich ein reines Marketinginstrument der Gewerkschaften zu sein. Zum Start der Verhandlungen werden dann die Bedürfnisse und die Anliegen beider Seiten eingebracht und diskutiert. Hier und heute Position zu beziehen oder gar eine Kampfansage machen zu wollen, erachte ich als falsch. Wir wollen ja zusammensitzen und wir werden dann sehen, wie die Verhandlungen verlaufen.Und dann war da ja noch der 1. Mai, der Tag der Arbeit, wo es vielerorts immer gar wild zu und hergeht, was vermutlich nicht im Sinne des Verbandes ist?Das gehört nun mal dazu, für mich ist dies aber ein alter Zopf. Wir wollen die Sozialpartnerschaft pflegen und eine solche gibt es ja auch nur, wenn es eine Gewerkschaftsbewegung gibt. In diesem Sinne brauchen wir die Gewerkschaften, so wie die Gewerkschaften die Arbeitgeber brauchen. Für mich steht immer der zweite Teil des Wortes Sozialpartnerschaft im Fokus, nämlich die Partnerschaft. Eine Partnerschaft funktioniert nicht von selbst, die muss gepflegt werden. Aber eine Partnerschaft setzt auch Dialogbereitschaft und vor allem Kompromissbereitschaft voraus.Das Thema Wohnungsnot ist heute in aller Munde, längst auch im Engadin. Der SBV rechnet gemäss Bauindex für das laufende Jahr zwar mit einem generellen Umsatzplus von 0,2 Prozent, aber mit einem Rückgang von vier Prozent beim Wohnungsbau. Können Sie das erklären?Ja, aber es braucht eine Differenzierung. Einerseits die generelle, landesweite Optik und andererseits die lokale Optik der touristischen Regionen, die eine völlig andere Ausgangslage besitzen. Wir rechnen heute schweizweit tatsächlich mit leicht steigenden Bauausgaben. Das hängt damit zusammen, dass die Investitionen in der Infrastruktur, wie auch schon in den vergangenen Jahren, eher zunehmen. Generell gesehen, geht der Hochbau leicht zurück, wird aber durch eine höhere Tätigkeit beim Tiefbau und den Infrastrukturbauten kompensiert, wo in Sachen Sanierung und Instandhaltung viel Nachholbedarf besteht.Weshalb geht der Hochbau zurück?Das hat unter anderem mit der Zinswende zu tun. Als die Zinsen vor ein paar Jahren wieder anzogen, verloren Immobilien gegenüber anderen Anlagekategorie auf einen Schlag an Attraktivität. Das hat unsere Branche rasch zu spüren bekommen, und zwar sowohl bei den Baubewilligungsgesuchen wie auch den Bauprojekten selbst. Jetzt haben wir wieder den umgekehrten Verlauf, mit deutlich sinkenden Zinsen. Das wird uns helfen, aber immer erst mit etwa zwei Jahren Verzögerung. Wir rechnen dank sinkenden Zinsen und anhaltend hoher Nachfrage nach Arbeits- und Wohnraum mit einer Zunahme der Hochbautätigkeit ab 2026 und in den Folgejahren.Aber……dieser Entwicklung steht eine ganz grosse Hürde entgegen, die Geschwindigkeit der Planungs- und Baubewilligungsverfahren. Wir kämpfen seit Jahren mit einer Zunahme an Einsprachen, immer mehr stechen querulatorische Einsprachen hervor. Und auch wenn viele davon relativ aussichtslos sind, so werden dadurch Bauprojekte hinauszögert oder sogar verhindert. Das führt dann dazu, dass wir beispielsweise weniger Wohnungen bauen können als was die tatsächliche Nachfrage wäre. Die Folge davon sind steigende Mieten und Immobilienpreise.Der SBV hat gewarnt, es drohe landesweit ein Leerwohnungsbestand von unter einem Prozent. Gemäss dem Bundesamt für Wohnungswesen bräuchte es allein in diesem Jahr rund 50 000 neue Wohnungen. Gibt es einen Weg aus der Wohnungskrise?De facto bauen wir schweizweit gerade einmal rund 40 000 Wohnungen pro Jahr, was den Mangel an Wohnraum anheizt. Fällt der Wert wie vom SBV befürchtet unter die ein Prozent Marke, dann hätten wir tatsächlich eine formelle Wohnungsnot. Diesen Trend zu stoppen und zu drehen, benötigt mehrere Jahre, weil die Bauindustrie eben nur relativ träge auf solche Entwicklungen reagieren kann. Nicht weil wir besonders langsam wären, sondern weil es vorgängig ein langwieriges Planungs- und Bewilligungsverfahren benötigt mit Baubewilligung, Ausschreibung und Arbeitsvergabe. Das alles braucht seine Zeit.Und was unterscheiden beim Thema Wohnungsnot die touristischen von anderen Regionen?In Graubünden ist die Lage abseits der touristischen Zentren wie dem Oberengadin, Arosa oder Davos relativ ruhig und nicht so angespannt wie auch in den grossen urbanen Räumen im Mitteland. Hingegen sind in den touristischen Hotspots die Konsequenzen unter anderem auch aus der Zweitwohnungsinitiative extrem spürbar.Für den Rest der Schweiz gilt, dass man mit einer qualitativen Verdichtung viel mehr Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung stellen kann, ohne dass man zusätzliche Grünflächen einzonen muss. Das gilt in den touristischen Regionen nicht. Der SBV hat damals in der Abstimmungskampagne zur Zweitwohnungsinitiative, zusammen mit vielen anderen, vor riesigen Preissteigerungen in den touristischen Regionen und entsprechenden Problemen gewarnt. Das Resultat ist bekannt. Es geht aber jetzt darum, dass die Politik Rahmenbedingungen schafft, welche es ermöglichen, der lokalen Bevölkerung genügend Wohnraum zu bezahlbaren Preisen anbieten zu können.Und wie soll das konkret funktionieren?Das geht unseres Erachtens nicht mit Verboten, sondern die Politik sollte Anreize und Instrumente benutzen, damit der Markt Interesse hat, auch für die lokale Bevölkerung zu bauen. Dazu muss man die Vorteile und auch die Zahlungskraft der touristischen Gäste mit den Bedürfnissen der Bevölkerung verbinden. Ganz wichtig erscheint mir dabei, dass man auch die lokalen Investoren miteinbezieht, auch solche ohne institutionelle Strukturen. Ohne diese wird es nicht funktionieren, muss doch letztlich jede Lösung politisch mehrheitsfähig sein. Man sollte marktwirtschaftlich funktionierende Lösungen umsetzen, ohne der Immobilienspekulation Tür und Tor zu öffnen. Konkret könnte Bausubstanz für Feriengäste ausschliesslich in einem zu definierenden Verhältnis mit Bausubstanz für die lokale Bevölkerung bewilligt werden.Wäre demnach ein Rezept zur Eindämmung von Einsprachen gefragt? Weil Einsprachen das Bauen in jedem Fall verzögern, ob auf der grünen Wiese oder bei verdichtetem Bauen in Dorfzentrum.Ja, denn dieses Anliegen gilt landesweit, ob in touristischen wie auch eben in urbanen Gebieten. Die ganzen Planungs- und Genehmigungsprozesse sind viel zu langsam und werden immer öfter missbraucht, weil die Einsprachen Möglichkeiten gleich mehrfach an die Gerichte weitergezogen werden können. Dabei verlieren die Investoren immer wieder viel Zeit; das Geld fliesst dann woanders hin. Deshalb ist es wichtig, dass man gegen solche, instrumentalisierte Einsprachen vorgeht. Ein weiterer, wichtiger Punkt, vor allem auch in Graubünden, ist das ISOS, also das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Wir stellen heute ein Ausufern der schützenswerten Objekte fest. In vielen Dörfern und Städte sind fast die Hälfte aller Objekte ISOS geschützt und damit kann man die Innenverdichtung, die das Raumplanungsgesetz seit etwas mehr als zehn Jahren ja eigentlich bezweckt, in der Praxis gar nicht umsetzen, weil ISOS hier im Weg steht.Was würde helfen?Es braucht Wege, um Orts- und Denkmalschutz pragmatisch mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung verbinden zu können. Weil wir, wenn wir in den Dorfkernen auf sinnvolle Art und Weise verdichten und eine Umnutzung der bestehenden Bausubstanz bewerkstelligen können, das umliegende Grünland automatisch schonen. Zudem muss dann auch kein zusätzliches Bauland eingezont werden. Ergo, eine win-win-Situation. Aber man braucht diese Kompromissbereitschaft, dass man sagt, okay, es kann nicht alles denkmalgeschützt sein, sondern wir verdichten mit Qualität auch in den Dorfkernen und lassen zudem zu, dass wir die Grundstücke besser ausnützen, als wir es heute tun oder in der Vergangenheit getan haben.Global betrachtet waren da die Pandemie, Materialengpässe und Energieunsicherheit, es herrscht Ukraine-Krieg und jetzt gibt’s noch Zoll- und Handelskonflikte. Wie kann die Schweizer Bauwirtschaft all diesen negativen Aspekten trotzen und sich dennoch weiterentwickeln?Die Schweizer Bauwirtschaft ist dadurch limitiert, dass sie seit Jahrzehnten keine Exportwirtschaft mehr ist. Unsere Löhne sind so hoch, dass wir im Ausland nicht konkurrenzfähig sind. Deshalb ist die Bauwirtschaft binnenwirtschaftlich geprägt und ausgerichtet, was wiederum den Vorteil hat, dass wir von den Vorteilen der Schweiz als Wirtschaftsstandort profitieren. Die geopolitischen Umwälzungen der letzten Monate dürften mittelfristig kaum bis sogar eher positiven Einfluss haben auf die Schweizer Bauwirtschaft. Die Zinsen sinken, was für uns mittelfristig sicherlich positiv ist. Auf lange Sicht gibt es noch einen positiveren Einfluss, weil sichere und zuverlässige Länder wie die Schweiz in Situationen globaler Unsicherheit überproportional profitieren. Die Schweiz wird dadurch noch attraktiver für Ausländer, vor allem für vermögende, die auch geografisch flexibel sind, um sich in der Schweiz niederzulassen. Es liegt auf der Hand, dass auch die Bauwirtschaft davon profitiert. Aber im Hinblick auf die Zuwanderungspolitik stellt der SBV die Interessen unseres Landes vor die Brancheninteressen.Thema Fachkräftemangel: Man müsste mehr bauen, da sind wir uns einig, nur mit wem wollen Sie bauen?Natürlich spüren auch wir den Fachkräftemangel, so wie viele andere gewerbliche Branchen auch. Letztes Jahr aber konnten wir bei den Lernenden um zehn Prozent zulegen gegenüber den Vorjahren. Das ist schon mal ein sehr positives Zeichen. Mit der Revision der Aus- und Weiterbildungen setzen wir auf eine zeitgemässe Ausbildung. Wir modernisieren unsere Berufe, verbessern die Weiterbildung und wollen dadurch auch die Branchentreue stärken, damit wir den wachsenden Bedarf an gut nachgebildeten Fachleuten auch decken können.Trotzdem, an der Beruflichen Gewerbeschule Samedan gibt es aktuell überhaupt keine Maurerlehrlinge mehr und das bereitet dem Regionalverband der Bündner Baumeister natürlich Sorgen…Ja, das macht auch uns Kopfzerbrechen. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass viele Maurerlehrende aus dem Oberengadin aus Italien stammen und italienischer Muttersprache sind. Diese werden meines Wissens vom Kanton an die Gewerbeschule Poschiavo zugewiesen. Es kann aber auch sein, dass es zahlenmässig schlicht zu wenige sind, um eine Klasse zu formen und sie dann vom Kanton nach Chur geschickt werden. Das ist aus der Optik der lokalen Schulen natürlich sehr bedauerlich. Aus der Optik der Jugendlichen kann es den Vorteil haben, dass es ihren Horizont erweitert und sie ihre Erfahrungen dann als Mehrwert wieder mitnehmen können. Aber selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass sehr viele Ressourcen und sehr viel Engagement in die lokalen Bildungsinstitutionen gesteckt werden, um die Problematik zu lösen. Die Problematik besteht und ist sehr bedauerlich.Der Mauerberuf ist uninteressant, körperlich sehr streng, Wind und Wetter ausgesetzt, schlecht bezahlt, zu wenig wertgeschätzt. Was halten Sie dagegen?Vorab: Der Maurerberuf wird sehr gut entlöhnt und die physische Belastung nimmt dank Automatisierung und Mechanisierung stetig ab. Das Bauhauptgewerbe bezahlt die höchsten gewerblichen Löhne Europas und die Lohnentwicklung übersteigt die Teuerung und erhält die Kaufkraft. Jedoch: Die gewerbliche Branche kämpft ganz allgemein gegen die Verakademisierung unserer Gesellschaft. Wir versuchen dies bei Eltern und in den Familien zu korrigieren, weil viele immer noch zu stark dem Vorurteil nacheifern, wonach nur ein akademischer Beruf auch ein gut bezahlter Beruf ist. Dabei erleben wir zur Genüge, wie schwierig es für Studienabgänger sein kann, wenn diese trotz Hochschulabschluss auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt sind. Beim dualen Bildungssystem mit Lehre gibt es den Vorteil, dass Arbeitgeber eine Lehrstelle anbieten, um den künftigen Bedarf des Fachpersonals decken zu können. Eine Lehrstelle bietet zwar noch keine absolute Sicherheit für eine Anschlusslösung nach der Lehre, aber doch die starke Perspektive, dass der oder die Lernende nach dem QV weiter in der Branche benötigt wird. Weil die Eltern in der Regel die Berufswahl ihrer Kinder beeinflussen, versuchen wir mit einer starken und kapillaren Berufswerbung auf die Leute zuzugehen und ihnen die Vorteile der Bauberufe vor Augen zu führen. Wer eine Maurerlehre beginnt, muss nicht bis 65 als Maurer auf dem Bau arbeiten, sondern hat viele Möglichkeiten sich nach eigenen Möglichkeiten und Interessen weiterzubilden bis hin zu einer eigenen Bauunternehmung.Solche Beispiele gibt es auch bei uns, wenn ich da an ihren Verbands-Vorstandskollegen Maurizio Pirola aus St. Moritz denke.Genau. Für mich ist es immer ein grosses Vergnügen, wenn ich als Präsident des Baumeisterverbandes in die Regionen hinausgehe und erfolgreiche Unternehmer treffe, die ihre Karriere mit einer Maurerlehre begonnen haben. Und noch einmal, das Schöne an den gewerblichen Berufen und vor allem am Baugewerbe ist ja, dass man etwas Konkretes erschafft und dass man am Abend sieht, was man tagsüber geschaffen hat. Zudem ist die Wertschätzung für die eigene, geleistete Arbeit viel konkreter als zum Beispiel in einer Dienstleistungsbranche.Stichwort Bildungsreform. Ihr Dachverband hat den Masterplan «SBV Berufsbildung 2030» erarbeitet. Was sind dessen Kernanliegen?Im Masterplan geht es vor allem darum, dass wir unsere Berufsbilder modernisieren und die Ausrichtung der ganzen Aus- und Weiterbildung an die zukünftigen Bedürfnisse der Unternehmen ausrichten und fokussieren. Gleichzeitig schauen wir aber natürlich auch peinlich genau darauf, dass diese Ausbildung genderneutral ist, dass Frauen sich genauso für einen Beruf im Bau interessieren können, wie auch Männer. Wir sind im Baumeisterverband eh überzeugt, dass Frauen schon lange ihren Platz in der Baubranche haben. Und wir machen auch einiges, um Frauen den Einstieg in die Baubranche zu erleichtern. Eine Branche, die zugegebenermassen immer noch zu Männer lastig ist. Frauen bringen der Baubranche einen grossen und willkommenen Mehrwert.Bei der letzten Regionalveranstaltung des Graubündnerischen Baumeisterverbands kam in Zernez das Thema Digitalisierung und Automatisierung zur Sprache. Wie ist die Schweizer Baubranche diesbezüglich aufgestellt?Das sind mit Gründe, weshalb ich sage, dass die Baubranche heute kein reiner Männerberuf mehr ist. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind auch die Baustellenberufe viel weniger physisch geworden als sie es früher waren. Heute haben wir eine viel höhere Automatisierung und Mechanisierung der Baustellen. Auch die Digitalisierung hält auf Baustellen immer mehr Einzug. Somit ist es so, dass sich heute auch Frauen, stärker als früher, von den Möglichkeiten auf dem Bau angesprochen fühlen. Deshalb sieht man auch immer öfter Frauen auf den Baustellen, und das macht Freude.Wie sehen Sie die Zukunft des Bauens in der Schweiz?Da bin ich sehr optimistisch, weil der Mensch, nachdem er gegessen hat, als nächstes ein Dach über dem Kopf braucht. Das heisst, unsere Produkte gehören zu den Grundbedürfnissen jeder Gesellschaft, was, langfristig gesehen, Perspektiven bietet und nicht zuletzt auch in Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit sehr wichtig ist. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wir in 40 oder 50 Jahren bauen werden, aber ich kann Ihnen versichern, dass wir auch in 50 Jahren noch bauen werden, sei es im Hoch-, im Tiefbau oder wo auch immer. Daher wird es der Bauwirtschaft nicht so ergehen können wie anderen Industrien in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten. Bauen wird Bestand haben, schlichtweg, weil es ein menschliches Grundbedürfnis abdeckt. Aber auch das Bauen wird sich verändern. Das heisst, wir müssen stets nach vorne schauen, innovativ sein, immer besser werden, neugierig bleiben und auch den Mut haben, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und auch mal hinzufallen. Das Wichtigste ist, dann wieder aufzustehen und nach vorne zu schauen.Es gäbe noch 1000 Sachen anzusprechen: Beispielsweise energieeffizientes, Material- und Ressourcenschonendes Bauen etc.Auch wenn es sich viele Menschen vielleicht noch nicht bewusst sind, aber die Baubranche ist in diesem Themenkreis schon extrem weit fortgeschritten. Gegenüber den 1990er-Jahren verbrauchen wir heute pro Kopf mehr als 40 Prozent weniger Energie. Wir sind schon weit gegangen, können aber sicherlich noch weitergehen.Interview: Jon DuschlettaDas Interview ist vorgängig in der Engadiner Post/Posta Ladina erschienen. Gian-Luca Lardi (55) ist in Poschiavo aufgewachsen und hat in Disentis die Latein-Matur absolviert. Nach dem Bauingenieurstudium an der ETH Zürich ging er zu Elektrowatt Engineering und studierte nebenberuflich Betriebswirtschaft an der Hochschule St.Gallen. Lardi arbeitete beim britischen Baukonzern Balfour Beatty und wurde 2000 von London in die Schweiz beordert, wo er am Bau des Lötschberg-Basistunnels beteiligt war. Danach kam er zur CSC Impresa Costruzioni nach Lugano, wo er in verschiedenen Funktionen beim Bau des Neat-Gotthard-Basistunnels mitwirkte. Als CEO führte er mehr als zehn Jahre lang die CSC Impresa Costruzioni. Lardi lebt mit seiner Familie im Tessiner Dorf Rovio, wo er sich auch viele Jahren politisch engagierte. Er ist Vizepräsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Seit 2015 ist er Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands SBV. In diesem hat seit 2024 auch der St. Moritzer Bauunternehmer und Präsident des Graubündnerischen Baumeisterverbands GBV, Maurizio Pirola, Einsitz. Über den Autor Schweizerischer Baumeisterverband kommunikation@baumeister.ch Artikel teilen
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