«Das Klima gibt uns den Bauplan vor»

Nachhaltigkeit wird auch in der Bauwirtschaft immer wichtiger. Thomas Rohner, Professor für Holzbau und BIM an der Berner Fachhochschule, über Kreislaufwirtschaft, Bauen mit Abbruchmaterial und das Zusammenspiel von Beton und Holz.

Interview: Werner Schüepp

Bauen in der Kreislaufwirtschaft: Welche Bedeutung haben diese zwei Begriffe für Sie?

Ich bin der Meinung, dass der Begriff Bauen in der Kreislaufwirtschaft noch etwas verständlicher formuliert, werden sollte. Die Botschaften müssen einfacher sein und mit Beispielen hinterlegt werden und die Individualität der Menschen sollte so wenig wie möglich eingeschränkt werden. Das heisst: Es ist bedeutend einfacher, nachhaltige Häuser zu bauen, als Leute in ihrer Mobilität einzuschränken. Es ist bedeutend einfacher, ökologische und nachwachsende Baustoffe zu verwenden, als den Fleischkonsum einzuschränken. Es ist bedeutend einfacher, Fassaden zu begrünen, als energiebetriebene Technologien zur Kühlung, Luftreinigung und Lärmdämmung einzusetzen.

Die Kreislaufwirtschaft ist für Sie eine Herzensangelegenheit. Weshalb?

Ich sage immer: Das Klima gibt uns den Bauplan vor. Kurzfristiges Kostendenken muss durch langfristiges Qualitätsdenken ersetzt werden und wer könnte das besser umsetzen als die Baubranche. Wir bauen für künftige Generationen und unser Handeln muss «cradle-to-cradle» geleitet sein. Mich als «Holzwurm» motiviert die Kreislaufwirtschaft, denn mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz, gepaart mit erneuerbarer Energie in Bau und Betrieb, können zukunftsfähige Konzepte entwickelt werden.

Nachhaltigkeit heisst für Sie: Ein System nutzen – aber nicht ausnutzen. Was meinen Sie damit?

Das heisst, ich darf Fischen, wenn ich wiederum Fischaufzucht betreibe; ich darf Holz ernten, wenn ich wieder Bäume anpflanze (ökologische Nachhaltigkeit). Ich darf Mitarbeitende anstellen, ich muss sie aber richtig entlöhnen, fair behandeln und für Arbeitssicherheit garantieren (soziale Nachhaltigkeit). Ich darf mit meinem Tun Geld verdienen, es soll aber auf Wertschöpfung und nicht auf Ausnutzung von Schwächeren beruhen (ökonomische Nachhaltigkeit).

Was heisst dies bezogen auf die Schweizer Baubranche?

In der Schweizer Baubranche wächst das Bewusstsein mit jedem gut gebauten Beispiel. Dazu müssen aber oftmals Paradigmen wechseln und Bautraditionen, also Baukulturen, angepasst und gewandelt werden. Die Digitalisierung hilft uns in allen Bereichen dieser Transformation. Für mich als Ingenieur ist es wichtig, dass die Nachhaltigkeit messbar, berechenbar und kontrollierbar ist. Egal welche Methode angewendet wird, ob SNBS, Nachhaltigkeitskompass, Treibhausgas, oder CO2, durch den digitalen Zwilling kriege ich die richtigen Daten.

Abbruchmaterial wieder für den Bau verwenden: Wo liegen die Vorteile?

Historisch gesehen, wurden schon immer alte Bauten als Materialquelle für Neues verwendet. Dieser «Revitalisierungsprozess» hat nicht nur Vorteile gehabt, denn einige Kulturbauten sind dadurch verschwunden. Grundsätzlich ist die Wiederverwendung von Baumaterial äusserst sinnvoll, ob mineralische, metallische oder organische Baustoffe. Wichtig ist, dass die artenreine Trennung möglich ist und die Herkunftsdeklaration nicht vollständig verschwindet. Hier kann uns die Blockchain-Technologie unterstützen, nachhaltige und transparente Lieferketten mittels RFID und GTIN zu garantieren.

Wo sehen Sie Nachteile?

Die Wiederverwendung von Baumaterial muss ökologisch und ökonomisch Sinn machen. Es darf nicht zu einem «green washing» kommen. So ist ein Hotelzimmer im «Alpen-Chick» durch Altholz verkleidet zwar schön, wenn es aber nur Kulisse ist, ist es fraglich. Die Kaskadennutzung ist noch nicht bei allen Baustoffen formuliert.

Der gebaute Schweizer Gebäudepark besteht aus 3,2 Milliarden Tonnen vornehmlich mineralischer Stoffe. Dies ist die grösste heimische Ressource. Was braucht es, dass dieses Potential genutzt werden kann?

Ich glaube, als erstes braucht es ein Umdenken im Kopf. Die Wiederverwendung von Baumaterialien sollte als erste Variante geprüft werden und nicht als Alternative. Technologisch könnten beispielsweise die Prozesse zur Herstellung von umweltverträglichem Beton-Schotter aus Betonabbruch oder auch aus Tunnel-Ausbrüchen optimiert werden. Dabei ist die Aufbereitung in Baustellen-Nähe und damit die Transportminimierung wichtig.

Wo finden sich gelungene Beispiele für ein kreislaufgerechtes Bauen?

Überall dort, wo die Bauherrschaft und die Investorinnen dieses Ziel definieren. Ob das «Netto null», «zero-zero» oder «bauen mit heimischen Materialien und heimischen Arbeitskräften» ist egal, die Langzeitperspektive und die Gesamtsicht sind wichtig. Bespiele: Suurstoffi Überbauung, Life-Cycle-Tower, Uptown Basel, Projekt Zephyr Zug, und viele mehr.

Setzt die Schweizer Bauwirtschaft vermehrt auf Holz oder dominiert nach wie vor Beton als Baumaterial?

Statistisch lässt sich ein Wachstum von Holz im Bauwesen feststellen. Der prozentuale Anteil ist unterschiedlich, je nach Bautypologie: Wohnbauten, Zweckbauten, Industriebauten, Schulbauten, Sportbauten etc. Es gibt Beispiele, wo das ganze Fundament aus Holz, nicht mehr Beton gebaut ist. Ich halte mich an die Ägide: das richtige Material an der richtigen Stelle und in der Gesamtbilanz möglichst CO2-neutral. Die Holzforschung an unseren ETH’s und FH’s hat wunderbare neue Produkte und Verfahren entwickelt, welche sich im Hybridbau als besonders wertvoll erweisen.

Wie können die Vorteile von Holz und Beton aus Ihrer Sicht für die Kreislaufwirtschaft besser kombiniert werden? Braucht es für die Zukunft nicht eine Kombination aus beiden Materialien?

Ich bin überzeugt, dass das hybride Bauen das Richtige ist. Hybrid heißt, es werden nicht nur zwei Materialien verbunden (Holz-Beton-Verbund (HBV)), sondern durch diese Verbindung werden wesentliche Zusatzfunktionen generiert. So kann das Holz in einer HBV-Decke nicht nur als Zug-Bewehrung dienen, sondern auch als «verlorene» Schalung. Der Beton hingegen garantiert Schall- und Brandsicherheit und wirkt als Speicher. Der Verbund aktiviert auch zusehends die konsequente Vorfertigung und Modularisierung. Mit der digitalen Methode BIM können solche Betrachtungen bewertet und simuliert werden.

Gerade in der heimischen Produktion liegt ein grosser Vorteil der mineralischen Baustoffe, die wir in der Schweiz haben. Ist es nicht ein Nachteil, dass Holz zu einem grossen Teil importiert werden muss?

Natürlich macht es keinen Sinn, Baumaterial, welches in der Schweiz vorkommt und wächst, zu importieren. Auch hier liegt es sehr oft an nicht zu Ende gedachten Prozessketten von Ernte, Transport, Verarbeitung, Vorfertigung, Montage und Rückbau. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ermöglicht der Bauwirtschaft am gleichen Strick zu ziehen und in Kollaboration optimale Lösungen zu finden. Miteinander und nicht gegeneinander.

Über den Autor

pic

Schweizerischer Baumeisterverband

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