«Das würden wir unterschreiben»

SBV-Direktor Benedikt Koch über die Herausforderungen bei den LMV-Verhandlungen und der Idee hinter der Baustellenzeitung «Baunews».

Herr Koch, was wäre der beste LMV aller Zeiten?

Er wäre so kurz und so präzise wie nie zuvor. Und auf jeden Fall wäre er viel verständlicher als heute. Inklusive Anhängen umfasst der aktuelle LMV 154 Seiten. Die Dichte an Vorschriften ist ein Albtraum für jeden Unternehmer und alle Mitarbeitenden eines Personalbüros. Auch für die Arbeitnehmenden hat der aktuelle LMV Nachteile. Ihre Bedürfnisse, welche sich im Verlaufe der Zeit verändert haben, werden nicht mehr ausreichend berücksichtigt.

 

Welche LMV-Artikel wollen Sie streichen?

Es ist ein Credo des SBV, dass die Verhandlungen über einen neuen LMV am Verhandlungstisch und nicht über die Medien geführt werden. Ich kann hier also nicht ins Detail gehen. In welchen Bereichen die Baumeister Anpassungen fordern, dürfte hingegen kein Geheimnis sein. Ein Schwerpunkt der Verhandlungen wird die Flexibilisierung bei der Regelung der Arbeitszeiten sein. Dies wäre wichtig, um den heutigen Anforderungen der Bauherren, Bauunternehmer und Arbeitnehmenden besser gerecht zu werden.

 

Das wird kaum im Sinne der Angestellten sein?

Da könnte man sich täuschen. In unserer landesweit durchgeführten Polierstudie haben letzten Herbst vier von fünf Teilnehmern erwähnt, dass sie den Berufsalltag und die Freizeit flexibler gestalten möchten. Ein Lösungsansatz könnte die Einführung eines Jahresarbeitszeitmodells sein, wie es in anderen Branchen schon gang und gäbe ist. Wer im Sommer mehr arbeitet, kann im Winter die Zeit kompensieren und beispielsweise mehr Zeit mit der Familie verbringen, länger im Heimatland verbleiben oder sich auf der Skipiste vergnügen.

 

Welche weiteren LMV-Ziele haben Sie?

Es braucht weniger und einfachere statt mehr und kompliziertere LMV-Artikel. Der SBV und die Gewerkschaften sollten sich auf Bestimmungen einigen, welche das Leben aller in der Baubranche erleichtern statt erschweren. Zudem hören wir von unseren Mitgliedfirmen, dass sie gute Leistungen vermehrt über finanzielle Elemente honorieren möchten. In Zeiten des Fachkräftemangels und knapper Margen braucht es einen gewissen Spielraum, um die Mitarbeitenden viel gezielter fördern zu können, sei dies über individuelle Lohnerhöhungen oder das Angebot spezifischer Weiterbildungen. Wir sollten im Bauhauptgewerbe von Mindestlohnerhöhungen nach dem Giesskannenprinzip wegkommen und stattdessen verstärkt Topleistungen belohnen. Das wäre ein konkreter Beitrag an eine faire Lohnpolitik.

Ich habe klare Signale erhalten, dass die SBV-Delegierten nicht jedes beliebige Papier unterschreiben werden.

Ist es realistisch, dass die Gewerkschaften zu alldem Hand bieten?

Die Verhandlungen über einen neuen LMV werden sicher kein Spaziergang einem schönen See entlang, sondern eine anstrengende Bergtour im Schweizer Hochgebirge. Zudem wäre es wichtig, dass das Image der Baubranche nicht wie in früheren Verhandlungsjahren unter der Polemik der Gewerkschaften leidet. Aber ich mache mir keine Illusionen. Die Gewerkschaften brauchen die Präsenz in den Medien, um neue Mitglieder anzuwerben. So haben sie schon vor der allerersten Verhandlungsrunde eine Bauarbeiter-Demonstration am 25. Juni 2022 angekündigt. Da fragt man sich schon, welche Interessen die Gewerkschaftsvertreter verfolgen.

 

Wendet sich der SBV deshalb mit einer Baustellenzeitung direkt an die Bauarbeiter?

Dieser Demo-Aufruf hat uns bestärkt, dass wir mit der Idee der Baustellenzeitung «Baunews» richtig liegen. Aber der eigentliche Auslöser war die Polierstudie vom Herbst 2021. Uns hat nicht nur überrascht, dass sich innerhalb weniger Wochen fast 600 Poliere daran beteiligt haben. Die Rückmeldungen widerlegen die Vermutung, dass vermeintlich zu tiefe Löhne der Auslöser für den Fachkräftemangel ist. Obwohl explizit nach der Lohnzufriedenheit gefragt worden ist, haben die Poliere ähnliche Vorstellungen von einem zeitgemässen Arbeitsplatz wie wir Baumeister. Wir nutzen die «Baunews» natürlich auch, um aufzuzeigen, wie attraktiv die Löhne und Arbeitsbedingungen auf dem Bau sind.

 

Was auffällt: Auf Seite 4 der «Baunews» liebäugeln Sie mit der Kündigung des LMV.

Unser Verhandlungsziel ist und bleibt ein zeitgemässer LMV. Das ist auch der Auftrag der SBV-Delegierten. Aber wir wollen das Baustellenpersonal über die Schutzmechanismen aufklären, falls es zwischen den Sozialpartnern tatsächlich keine Einigung geben sollte. Ich habe klare Signale erhalten, dass die SBV-Delegierten nicht jedes beliebige Papier unterschreiben werden.

 

Wie steht es um die Einigkeit unter den Baumeistern?

Die Erfolgschancen sind deutlich höher, wenn der SBV, seine Sektionen und Fachverbände wie auch alle Mitglieder im Jahr 2022 nach aussen möglichst geeint auftreten – auch wenn die Ansprüche und Erwartungen etwas unterschiedlich sein können. So werden die Sektionen und Fachverbände bestmöglich in den Verhandlungsprozess und die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Zu beachten ist, dass am Schluss die Delegierten des SBV über den LMV entscheiden. So wird es für die Verhandlungsdelegation eine grosse Herausforderung sein, ein mehrheitsfähiges Resultat zu erreichen. Dass die Latte dafür recht hoch liegt, werden wir den Gewerkschaften wohl nicht nur einmal erklären müssen.

Über den Autor

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Corine Fiechter

Mediensprecherin / Spezialistin Kommunikation

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