Der Baumeister wird zum Bauleiter

In einem Pilotprojekt in Küsnacht übernimmt STRABAG bei der Sanierung des Schiedhaldensteigs die modellbasierte Ausführungsplanung, die Bauleitung und die Realisierung gleichzeitig, und zwar in der Rolle als Totalunternehmerin. Das Projekt findet konzernweit grosse Beachtung. Die Ausschreibung der Gemeinde Küsnacht erfolgte digital. Die eingesetzte BIM 5D®-Methode wurde von STRABAG entwickelt.

 

STRABAG verfolgt die Vision einer «digitalen Baustelle» bereits seit den 1990er Jahren. Im Laufe der Jahre wurde BIM im Unternehmen unter der Bezeichnung BIM 5D® weiterentwickelt. 5D wird die BIM-Methode genannt, weil zum 3D-Modell der Faktor Zeit (4) miteinbezogen wird sowie alle relevanten Prozessdaten (5). Mit anderen Worten wird das 3D-Modell mit Angaben zu «wann wird gebaut» und «wie wird gebaut» ergänzt. Letzteres umfasst auch die Kostendaten. Weiter wird der gesamte Lebenszyklus in die Planung integriert.  Mit einem digitalen Infrastrukturmanagement schaffen wir für uns eine visuelle Wissens- und Projektdatenbank und eine umfassende Planungsgrundlage für Folgeprojekte, Qualitätsmanagement und Qualitätssteigerung- und kontrolle in Planung und Ausführung.

 

Submission: Preis zählte nur 40 Prozent 

Die Gemeinde Küsnacht, wiederum, fördert das digitale Bauen, etwa auch mit einer digitalen Ausschreibung. In der Submission zur Sanierung des Schiedhaldensteigs wurde die digitale Leistungsfähigkeit mit 30 Prozent gewichtet, der Preis mit lediglich 40 Prozent.  Das ermöglichte es Strabag, in Küsnacht ein Pilotprojekt in BIM 5D® zu realisieren. Dabei werden die Abwasser- und Werkleitungen sowie der Strassenoberbau erneuert. Das Projekt ist in vier Bauetappen gegliedert:  In den einzelnen Etappen werden  folgende Arbeiten ausgeführt: Kanalisationsarbeiten, Elektrizitätsleitungen, Gas- und Wasserleitungen. Das Ende der Bauarbeiten ist für April 2022 vorgesehen.

Aussergewöhnlich ist nicht nur das Vorgehen, sondern auch die Rolle von Strabag: Das Unternehmen fungiert als Totalunternehmerin. Das as-planned-Modell im Vorprojekt Plus, welches von Basler & Hofmann AG erstellt worden ist wird nach der Arbeitsvergabe von Strabag in das Ausführungsprojekt übertragen. Weiter fungiert Basler & Hofmann AG im Auftrag der Gemeinde Küsnacht als Bauwerksüberwacher.

Stijepan Ljubicic, der als Technischer Gruppenleiter BIM bei Strabag in Sachen digitales Bauen die Fäden zieht, erläutert: «Die digitale Planung macht einen sehr frühen Einbezug des Baumeisters notwendig, was die Gemeinde Küsnacht erkannt hat. Dabei zeigte sich, dass es Sinn machte, wenn wir gleich auch die Bauleitung übernahmen.  Ljubicic verrät: «Dieses Pilotprojekt wird vom Konzern aufmerksam beobachtet, obwohl aktuell 150 BIM-Pilotprojekte laufen. Unser Team nimmt bei BIM 5D® eine Pionierrolle ein.»

 

Integration GIS-Daten 

Speziell beim Projekt ist, dass GIS und BIM verzahnt werden sollen. Das erfolgt mit einem GIS-Dashboard mit einem Foto- und Mängelmanagement und der Festhaltung von Meilensteinen. Letzteres muss sehr genau erfolgen. Der grosse Vorteil: Alle Fotos, die Vorarbeiter und Poliere schiessen, werden direkt pro Etappe georeferenziert richtig verortet. Ansonsten hat man  am Schluss eine grosse Menge an ungeordneten Fotos, die nachträglich schwierig zuzuordnen sind. Bei Mängeln findet man die entsprechende Fotodokumentation mit einem Klick.

Das Modell beziehungsweise der digitale Zwilling muss so aufgebaut werden, wie gebaut wird, das heisst, die Arbeitsvorbereitung erfolgt auch modellbasiert. Walze und Fertiger dokumentieren die Verdichtung, sowie die Oberflächentemperatur beim Belagseinbau . Das soll verhindern, dass es vorzeitig zu Schäden im Strassenbelag kommt. Lidar Scanning ist mit einem einfachen Tablet möglich, dabei wird ein As-built-Model erstellt. Eine Herausforderung stellte bei Projekt die Steigung des Schiedhaldensteigs dar.

 

Innovatives Storyboard 

Ganz eigene Wege geht Strabag bei der Kommunikation mit der  Anwohnerschaft. Rund um den Schiedhaldensteig stehen Einfamilienhäuser mit Blick auf Zürichsee. Deren Bewohnerinnen und Bewohner mussten informiert werden, wann und wie lange die Zufahrt zu den einzelnen Liegenschaften möglich sein würde. Dazu wurden Informations-Schilder mit einem QR-Code aufgestellt. Mittels des QR-Codes gelangten die Anwohnerinnen und Anwohner zu relevanten und aktuellen Bauinformationen. Diese Informationen können pro Liegenschaft eingesehen werden, das heisst, alle Anwohnerinnen und Anwohner sind im Bild, welche Einschränkungen sie betreffen. Wenn es etwa passiert, dass infolge der Temperaturen der Einbau des Strassenbelags verschoben werden muss und die Zufahrt zur Liegenschaft an einem anderen Tag blockiert ist, dann wird das nicht nur mitgeteilt, sondern auch erläutert. Die Möglichkeit wird rege genutzt, die Plattform verzeichnete bereits nach einigen Wochen mehrere Hundert Nutzerinnen und Nutzer.

 

Flüssigere Bauprozesse 

In einem ersten Zwischenfazit halten Ljubicic und Christian Häni, Technischer Gruppenleiter Verkehrswegebau Ost bei Strabag, fest, dass die Praxiserfahrung zeige, dass das TU-Modell flüssigere Bauprozesse ermöglicht, weil die Planung, die Koordination und die Realisierung in einer Hand liegen. Gezeigt haben sich die erwarteten Nachteile als First Mover: Der Aufbau der Erfahrungswerte bedingt den Einsatz von Ressourcen und führt zu höheren Kosten. Die Wohngegend brachte einen erhöhten Bauleiteraufwand mit sich.

Ljubicic, betont: «Dieses Projekt ermöglicht uns einmal mehr, Erfahrungen zu sammeln. Wir können unsere Mitarbeitenden on the spot weiterbilden und zusätzliche BIM-Ressourcen in den Themen Modellierung, Vermessung, Abrechnung usw. aufbauen. Wir bearbeiten verschiedene Anwendungsfälle, das BIM-Modell dient uns dabei als Basis für sämtliche Anwendungsfälle.» Lirim Elshani, Bauführer auf dem Projekt, hat zum ersten Mal mit BIM zu tun. Auf die Frage, ob er darin Vorteile sieht, meint er: «Ja, ich finde es gut, so zu arbeiten. Bestellungen aufzugeben beispielsweise ist auf diese Weise einfacher. Das Modell zeigt mir genau an, wie viele Meter von welchen Rohren bestellt werden müssen. So bin ich viel schneller und muss nicht mühsam alles ausmessen.» Häni ergänzt: «Gerade bei komplexeren Bauten ist das ein enormer Vorteil. Das Ausmass kann über sogenannte Fertigstellungsgrade auf Knopfdruck erstellt werden, da die Kalkulation mit allen Positionen und dem 3D-Modell verknüpft ist. Das spart immens viel Zeit.» Nicht nur die Mengenermittlung erfolgt anhand des Modells, das spart nicht nur Kosten, sondern schont auch die Umwelt. Weiter isind ein modellbasiertes Controlling und eine modellbasierte Abrechnung möglich.

 

«Gebe ich nicht mehr her» 

Die Vorgehensweise mit BIM führt dazu, dass smarte Baumaschinen genutzt werden, bei denen die Daten direkt an die Maschinen übermittelt werden. Der Baggerführer Domenico Diaco gesteht: «Ich bin seit 20 Jahren Baggerführer, also sehr erfahren. Aber vor dem Wechsel hatte ich doch schlaflose Nächte. Meine Sorge, ob ich mit dem Bagger zurechtkommen würde, war unberechtigt. Heute bin ich richtig Fan von der neuen Technologie. Ich will gar nicht mehr mit konventionellen Baggern arbeiten!» Das GPS auf den Baggern wird jeden Tag neu montiert, da es teuer ist. Eine Totalstation ermöglicht ein Einrichten zur Kontrolle. Es handelt sich ein System von Trimble. Bäume sind übrigens kein Problem, sie behindern den Empfang nicht. Aber die Sonne – sie erschwert das Ablesen der Daten vom Tablet. Papierpläne sind keine im Einsatz, die Baustelle ist papierlos.

 

Über den Autor

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Susanna Vanek

Redaktorin

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