«Die Kalkulation ist nur so gut wie die Ausschreibung»

Der SBV bietet seinen Mitgliedern Grundlagen und Tools für die Kalkulation an. Loris Bonaglia leitet das Team, das diese erarbeitet.

Auch das Bauhauptgewerbe ist dabei, seine Prozesse mehr und mehr zu digitalisieren. Wie hat das die Kalkulation in den Bauunternehmungen in den vergangenen Jahren verändert?

In der Kalkulation gehen die Anfänge der Digitalisierung zurück in die frühen 1990er Jahre, als die ersten Bausoftware-Produkte breit im Markt verteilt wurden. Seither haben sich die Programme laufend weiterentwickelt. Die Systematik der Kalkulation ist aber die gleiche geblieben. Sie basiert auf einem Leistungsverzeichnis, das mit dem Normpositionen-Katalog (NPK) erfasst wird. Erst diese Standardisierung macht eine automatisierte Kalkulation möglich.


Sorgen laufend bessere digitale Werkzeuge dafür, dass auch die Kalkulationen laufend besser werden?

Theoretisch ja. In der Praxis aber ist die Kalkulation immer nur so gut wie die Ausschreibung, auf die sie sich bezieht. Und qualitativ schlechte Ausschreibungen sind leider häufig.


Wie ist das zu erklären?

Ich sehe zwei hauptsächliche Problembereiche: Erstens beinhaltet der NPK viele offene Positionen. Diese offenen Positionen führen dazu, dass der Ausschreibende keine standardisierten Angaben machen muss, sondern irgendetwas reinschreiben kann. Das verunmöglicht die elektronische Kalkulation und zwingt zu mehr Handarbeit.


Wo liegt das zweite Problemfeld?

Die Angabe der ungefähren Mengen in Ausschreibungen stellt häufig ein Problem dar. Um die Ausführungsvoraussetzungen einschätzen zu können, sind diese Angaben für den Unternehmer entscheidend. Während die einschlägige Norm SIA 118 «ungefähr» als plus minus 20 Prozent definiert, vertun sich die Ausschreibenden aber regelmässig um ein Vielfaches davon. Weil die Ausschreiber gleichzeitig das Risiko aus dieser Unklarheit vertraglich auf die Unternehmer abwälzen, werden diese zu spekulativen Annahmen gezwungen.


Welche künftigen Entwicklungen erwarten Sie in der Bau-Kalkulation?

Ich rechne damit, dass die bauteilbasierte Kalkulation ein nächster Entwicklungsschritt darstellt. In Bauprojekten, die sich zu einem frühen Zeitpunkt umfassend und detailliert planen lassen, löst man sich dabei vom NPK und kalkuliert stattdessen ganze Bauteile. Voraussetzung dafür ist, dass die Ausschreibung mit einem Modell erfolgt, welches das entsprechende Bauteil detailgenau abbildet. Das ist heute erst selten der Fall. Entsprechend sehe ich darin keine bevorstehende Revolution, sondern eine evolutionäre Entwicklung.


Arbeitet Ihr Team in diese Richtung?

Ja, wir werden demnächst ein Tool produzieren, in dem es um diese bauteilbasierte Kalkulation geht. Wir wollen damit einen ersten Schritt machen und gemeinsam mit den Bausoftware-Herstellern diskutieren, ob die von uns angedachte Systematik nützlich ist, um die Entwicklung weiterzutreiben.


Schon heute bietet der SBV seinen Mitgliedern Kalkulationsgrundlagen wie Standardanalysen und Kalkulationshilfen sowie diverse Tools zu Themen wie Inventar, Teuerung und Lohnkosten. Welchen Nutzen haben diese Materialien für die Unternehmer?

Die Unterstützung, die wir unseren Mitgliedern anbieten, verfolgt immer dasselbe Ziel: Die Unternehmer sollen in die Lage versetzt werden, um Probleme möglichst rasch und einfach zu lösen. Unsere Kalkulationsgrundlagen und die Tools tun das, indem sie den Mitgliedern viel administrative Knochenarbeit abnehmen, die ansonsten in jeder Unternehmung geleistet werden müsste.


Wie muss man sich die Arbeit vorstellen, die in diesen Grundlagen und Tools steckt?

Wir sind ein fünfköpfiges Team, das die notwendigen Daten grösstenteils in aufwendiger Handarbeit zusammenträgt und erarbeitet. Teilweise werden wir dabei von Fachspezialisten oder Arbeitsgruppen von Mitgliederunternehmungen unterstützt. Ich kann ein paar Zahlen nennen: Unseren Daten liegen 16'000 NPK-Analysen, 4'600 Materialien, 1900 Maschinen, Geräte, Betriebsmaterialien und Werkzeuge sowie 7000 Positionen für die Kalkulationshilfen zugrunde. Unmengen von Daten also, die wir sammeln, verarbeiten und pflegen. Die Materialien sollen schliesslich korrekt und aktuell sein.


Die vergangenen Monate waren geprägt von starken Preisschwankungen und Teuerungsraten bei Baumaterialien. Hat Ihnen diese hektische Dynamik Bauchschmerzen verursacht?

Wir haben die Dynamik durchaus zu spüren bekommen. Anstatt wie gewohnt einmal jährlich, führten wir im vergangenen Jahr die statistische Erhebung von tausenden Materialpreisen dreimal durch. Mit der erhöhten Erhebungskadenz versuchten wir, einer Situation zu begegnen, wie wir sie nie zuvor erlebt haben. Angesichts der anhaltenden enormen Preisschwankungen sind die Unternehmer dennoch gezwungen, immer wieder individuelle Annahmen zu treffen.


SBV-Mitgliedern steht eine Hotline zur Verfügung für Fragen und Anliegen rund um die Kalkulation. Basierend auf diesen Kontakten. Wo drückt der Schuh bei den Mitgliedern?

Bei den meisten Anfragen unserer Mitglieder geht es um die Vergütung von Leistungen, die der Bauunternehmer erbracht hat, die der Bauherr aber nicht bezahlen will. Die Gründe sind vielfältig. In dieser Situation unterstützen wir die Mitglieder, indem wir aufzeigen, was die Normen und gegebenenfalls auch das Recht vorgibt. Ziel ist es, das anfragende Mitglied so mit Informationen auszustatten, dass es gegenüber der Bauherrschaft kompetent argumentieren kann.

Grundlagen und Werkzeuge

Der SBV erarbeitet für seine Mitglieder Kalkulationsgrundlagen wie Standardanalysen und Kalkulationshilfen sowie diverse weitere nützliche Tools. Die Datensammlung umfasst Kalkulationshilfen für Regierarbeiten, Standardanalysen zur Vereinfachung der Vorkalkulation, Grundlagen zum Inventar, das Kalkulations- und Lohnnebenkostenschema, Erhebungen zu Preisänderungen sowie zahlreiche Tools zur Durchführung spezifischer Rechnungen. Die Grundlagen und Werkzeuge unterstützen die SBV-Mitglieder darin, ihre Kalkulationen effizient auszuführen. Nebst den allgemeingültigen Materialien steht ihnen eine Hotline für individuelle Anliegen offen. Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Über den Autor

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Thomas Staffelbach

Chefredaktor

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