«Es ist eine Art Mannschaftssport»

Matthias von Ah, CEO Gasser Felstechnik und Olivier Imboden, Vorsitzender der Geschäftsleitung Ulrich Imboden AG, diskutieren im Doppelinterview über das Bauen in den Bergen.

Matthias von Ah, CEO Gasser Felstechnik und Olivier Imboden, Vorsitzender der Geschäftsleitung Ulrich Imboden AG, diskutieren im Doppelinterview über das Bauen in den Bergen. 

Was sind die grössten Herausforderungen beim Bauen in den Bergen? 

Matthias von Ah: Die grössten Herausforderungen liegen in der Natur und ihren Bedingungen. Wetterumschwünge mit Wind, Regen oder Schnee können die Arbeit beeinflussen. In der Höhe spielt zudem die reduzierte Leistungsfähigkeit von Mensch und Maschinen eine Rolle. Ein weiterer Punkt ist die Logistik – Maschinen und Material müssen oft über schwierigstes Gelände oder auf dem Luftweg an den Einsatzort gebracht werden. 

Olivier Imboden: Die grösste Herausforderung beim Bauen im Gebirge ist nicht nur die Topografie, sondern das sind vor allem die Menschen, die bereit sind müssen, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Lange Anfahrtswege, unregelmässige Arbeitszeiten fern von zu Hause und die oft harschen Witterungsbedingungen verlangen den Mitarbeitenden viel ab. Hinzu kommt die Logistik: Strassen enden häufig in schmalen, provisorischen Wegen. Baumaterial, Maschinen oder sogar ganze Bauteile erreichen die Baustelle nur mit geländegängigen Fahrzeugen, Seilbahnen oder Helikoptern. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Sicherheit. Wir müssen garantieren können, dass bei einem Notfall – sei es ein Unfall oder ein plötzlicher Wetterumschwung – die Baustelle jederzeit erreichbar bleibt. Das erfordert eine minutiöse Planung und robuste Sicherheitskonzepte. 

Das Thema Naturgefahren ist in den Bergen wichtig. Gibt es ein Bauprojekt zur Prävention oder zur Beseitigung, das Ihr Unternehmen ausgeführt hat und auf das Sie besonders stolz sind? 

Von Ah: Ja, besonders stolz sind wir auf unsere Reaktionsfähigkeit bei Sofortmassnahmen. Wenn ein Ereignis eintritt, zählt jede Stunde. Wir sind es gewohnt, in enger Zusammenarbeit mit Planern innert kürzester Zeit praktikable Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Beispiele sind die Sprengung an der Axenstrasse 2024 oder die aktuellen Sofortmassnahmen am Brünig (Ochsenwaldkurve). Solche Einsätze zeigen, wie wichtig Erfahrung, eingespielte Abläufe und schnelle Entscheidungen sind. 

Imboden: Naturgefahren begleiten jedes Bauprojekt im Gebirge. Ob Steinschlag, Lawinen oder Murgänge – diese Risiken sind allgegenwärtig. Wir führen regelmässig Sicherungsarbeiten durch: vom Montieren von Steinschlagschutznetzen über das gezielte Sprengen von Felsblöcken bis hin zur Installation von Sicherungsseilen. Besonders stolz sind wir auf jene Projekte, bei denen wir nicht nur Infrastrukturen geschaffen, sondern gleichzeitig die Sicherheit ganzer Talschaften verbessert haben. Solche Arbeiten geschehen oft in enger Zusammenarbeit mit Spezialfirmen, die ihr Know-how einbringen. 

Welche technischen Innovationen haben das Bauen in den Bergen besonders erleichtert oder verändert? 

Imboden: Ein Gamechanger war zweifellos der Helikopter. Früher mussten Materialien mühsam und zeitraubend auf die Baustellen transportiert werden, heute können wir mit dem Helikopter innert Minuten tonnenschwere Lasten genau dort platzieren, wo sie gebraucht werden. Auch moderne Vermessungstechnologien, digitale Planungsinstrumente und leistungsfähigere Maschinen erleichtern uns die Arbeit im schwierigen Terrain enorm. 

Von Ah: Zwei Technologien haben besonders viel verändert: die Helikopter, die heute rasch und flexibel verfügbar sind, und der Schreitbagger, der selbst in extrem steilem Gelände einsatzfähig ist. Zudem haben die heutigen Kommunikationsmittel die Führung der Baustellen vereinfacht.  

Das Zeitfenster, in dem gebaut werden kann, ist in den Bergen witterungsbedingt kleiner als im Unterland. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen? 

Imboden: Im Gebirge ist die Bausaison kurz – in der Regel nur sechs bis sieben Monate. Diese knappe Zeit zwingt uns zu höchster Präzision in der Planung. Eine saubere AVOR ist entscheidend, um Material, Personal und Maschinen exakt zu koordinieren. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass unsere Fachkräfte auch ausserhalb dieser Monate sinnvoll eingesetzt werden können – sei es im Tal oder bei Projekten mit längerer Bausaison. 

Von Ah: Da wir in allen Höhenlagen arbeiten, hat das Zeitfenster für Bauarbeiten in den Bergen einen marginalen Einfluss auf die Gesamtunternehmung. Zudem werden Gebirgsbaustellen meist frühzeitig geplant, was uns die Disposition erleichtert. Dennoch gilt: Wenn das Wetter passt, muss die Mannschaft bereitstehen. Effizienz und Flexibilität sind entscheidend. 

Für das Bauen in den Bergen braucht es teilweise Fachkräfte mit Spezialkompetenzen. Wie finden Sie diese? 

Imboden: Der wichtigste Schlüssel sind unsere langjährigen Mitarbeitenden, die ihr Wissen und ihre Erfahrung an die jüngere Generation weitergeben. Das Bauen im Gebirge lässt sich nicht in einem Lehrbuch erlernen – man muss es erlebt haben. Wir setzen deshalb stark auf Mentoring: erfahrene Vorarbeiter und Poliere führen junge Mitarbeitende schrittweise an die komplexen Arbeiten heran. So entsteht über Jahre ein wertvoller Erfahrungsschatz im Team.  

Von Ah: Wir brauchen Menschen mit Leidenschaft für die Arbeit in den Bergen. Deshalb rekrutieren wir auch über Emotionen – mit starken Bildern und authentischen Geschichten, insbesondere über die sozialen Medien. Selbstverständlich stehen wir als Firma auch in der Pflicht, die Leistungen unserer Mitarbeiter mit fairen Anstellungsbedingungen zu honorieren.  

Das Bauen in den Bergen erfordert Spitzenleistungen aller Beteiligten. In diesem Sinne sind Sie wie eine Art Coach oder Trainer, der seine Mannschaft immer wieder motivieren muss. Wie gelingt Ihnen das? 

Von Ah: Indem wir Leidenschaft vorleben. Noch wichtiger als die Geschäftsleitung sind unsere Poliere und Vorarbeiter, die täglich auf der Baustelle für gute Moral sorgen – auch bei misslichsten Bedingungen. Sie sind die eigentlichen Coaches.

Imboden: Die Motivation auf einer Gebirgsbaustelle entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Eine zentrale Figur ist dabei der Polier. Er ist jeden Tag vor Ort, führt die Mannschaft und prägt die Stimmung auf der Baustelle. Wenn er mit Stolz und Begeisterung an die Arbeit geht, überträgt sich das automatisch auf das Team. Für mich als Unternehmer ist es wichtig, dieses Umfeld zu schaffen und immer wieder aufzuzeigen, dass die geleistete Arbeit im Gebirge etwas Besonderes ist – eine Art Mannschaftssport mit hohen Anforderungen und grossem Stolz. 

Hat die Annahme der Zweitwohnungsinitiative die Situation, dass der Wohnraum für Einheimische knapp war, verbessert oder verschärft? 

Imboden: Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative hat die Situation für Einheimische leider verschärft. Gerade in touristischen Hotspots ist es für Bauarbeiter kaum mehr möglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das führt dazu, dass qualifizierte Fachkräfte abwandern oder gar nicht erst kommen – eine Entwicklung, die den Arbeitsmarkt in den Bergregionen zusätzlich unter Druck setzt. 

Welche politischen Rahmenbedingungen bräuchte es, um einerseits Landschaft und Natur zu schützen, andererseits aber den Bergregionen Zukunftsperspektiven zu geben? 

Imboden: Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, die sowohl Natur- und Landschaftsschutz als auch wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Es braucht klar ausgewiesene Zonen, in denen touristische Anlagen entstehen dürfen, ohne dass jahrelange Einsprachen Projekte blockieren. Nur so können Bergregionen ihre Infrastruktur erneuern und Perspektiven für kommende Generationen schaffen.  

Von Ah: Zentral ist, dass wir attraktive Arbeitsplätze bieten können – nicht nur im Bau, sondern auch in anderen Branchen. Nur so bleiben Strukturen lebendig und Abwanderung kann verhindert werden. Ebenso wichtig ist bezahlbarer Wohnraum. Landschaft und Natur sind durch das Raumplanungsgesetz richtigerweise bereits gut geschützt. 

Fühlen Sie sich als Vertreter einer Bergregion von der Politik genug beachtet oder im Stich gelassen? 

Von Ah: Wir engagieren uns aktiv über unsere Region hinaus in Organisationen und Verbänden. Dort bringen wir unsere Anliegen ein und werden gehört. 

Imboden: Als Vertreter einer Bergregion spüre ich oft, dass unsere Anliegen in der Politik zu wenig Gewicht haben. Gerade wenn es um nationale Regelungen geht, werden die besonderen Herausforderungen der Berggebiete zu selten berücksichtigt. Wir brauchen mehr Verständnis und mehr Entscheidungsfreiraum, um Lösungen umzusetzen, die zu unserer Realität passen. Wir haben es satt, dass man die Bergregionen von den Unterländern immer wieder als Reservat, als heile Welt angesehen werden. Hier soll alles so bleiben wie es ist. Herzig. Idyllisch. Doch wir leben hier. Wir müssen wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten haben.  

Welche Rolle spielen Bauunternehmer für Bergregionen? Als Arbeitgeber und als Bereitssteller von Infrastrukturen? 

Bauunternehmer sind für Bergregionen weit mehr als Auftragnehmer. Sie sind Arbeitgeber, Ausbilder und Nothelfer zugleich. Unsere Maschinen und Mitarbeitenden stehen nicht nur für Bauprojekte bereit, sondern auch im Katastrophenfall – sei es bei Unwettern, Murgängen oder Schneelawinen. In solchen Momenten zeigt sich der wahre Wert einer lokal verankerten Bauunternehmung. Unsere Unternehmung weiss wohin man welche Maschinen bei einer drohenden schlechten Wetterlage platzieren muss, um sehr schnell interventieren zu können. Das verstehen wir auch als Dienst an unserem Lebensraum.  

Von Ah: Wir schaffen qualifizierte Arbeitsplätze und bieten jungen Menschen Ausbildungsmöglichkeiten in einem hochspezialisierten Umfeld. Damit sichern wir regionale Wertschöpfung, erhalten Fachkräfte in den Regionen und bieten Familien einen verlässlichen Arbeitgeber. Unsere Infrastrukturen und Schutzbauten sichern die Mobilität, Versorgung und Lebensqualität in den Bergregionen. So ermöglichen wir Alltag, Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung auf einer langfristig sicheren Basis.  

Gibt es ein Spannungsfeld zwischen Klimaschutz, Tourismus und Bauwirtschaft, das Sie besonders beschäftigt? 

Von Ah: Ja, insbesondere die Verkehrsbelastung in den Sommermonaten durch den zunehmenden Individualtourismus ist ein Thema. Wir brauchen den Tourismus als Wirtschaftsfaktor – aber nicht in jeder Region muss die gleiche Entwicklung stattfinden. Es braucht auch bewusst ruhige Zonen in den Alpen. 

Imboden: Natürlich gibt es Spannungsfelder zwischen Klimaschutz, Tourismus und Bauwirtschaft. Wir stehen mittendrin. Einerseits braucht es Infrastrukturen, damit Tourismus möglich bleibt, andererseits müssen wir die Umwelt so wenig wie möglich belasten. Für mich ist klar: Nachhaltiges Bauen im Gebirge bedeutet, Materialien ressourcenschonend einzusetzen, bestehende Strukturen zu erhalten und innovative Lösungen zu suchen, die Natur und Wirtschaft gleichermassen berücksichtigen. 

 

 

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