Insolvenzen auf Rekordniveau - ist das ein Problem?

In den letzten Jahren wurden sehr viele Firmen in der Schweiz neu gegründet. Mit Zeitverzug steigen deswegen auch die Insolvenzen. Eine solche Dynamik kann für eine Branche nützlich sein.

Kurze Lebensdauer von Unternehmen

In den letzten Monaten sprachen Medien von Firmeninsolvenzen auf Rekordniveau, und dass die Baubranche einer der «Konkurs-Spitzenreiter» wäre. Um diese Schlagzeilen korrekt einzuordnen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Grundlagen. Nur wenige Firmen überleben eine lange Zeit. Rund 15% der Betriebe geben bereits nach einem Jahr auf. Fünf Jahre nach ihrer Gründung existiert die Hälfte der Unternehmen nicht mehr. Das gilt gleichermassen für Bauunternehmen wie für alle anderen Firmen. Konkurse, Aufgaben, Fusionen, Übernahmen sind Gründe dafür.

Neugründungen sowie Insolvenzen auf Rekordniveau

Anfangs des letzten Jahrzehnts gingen in der Schweiz 7’800 Unternehmen Konkurs, 15 Jahre später, dürften es nun über 12’000 werden. Ein Anstieg um 4’000 Unternehmen! Dies erscheint wie ein dramatischer Anstieg. Allerdings sollte man dies mit den Neugründungen vergleichen: Von etwa 40’000 auf nun mehr als 56’000 Unternehmen. Das Wachstum bei den Gründungen ist also deutlich höher als bei den Insolvenzen. Jährlich eröffnen 44’000 Unternehmen mehr als schliessen müssen. In der Baubranche stehen 6’200 Gründungen rund 2’600 Insolvenzen gegenüber, also auch hier ein deutliches Plus.

9'500 Insolvenzen in Baubranche bis 2028

Als Zwischenfazit lässt sich ziehen, dass die Anzahl Neugründungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Mit ein paar Jahren Verzug schliessen aber auch schon wieder vielen dieser Unternehmen. Dies erklärt zu einem guten Teil den Anstieg der Konkurse in jüngerer Vergangenheit. Weitere Erklärungen liegen darin, dass manche Unternehmen künstlich mit Corona-Notfallkrediten über Wasser gehalten wurden, sowie in einer Gesetzesänderung: Seit Beginn des Jahres 2025 müssen Steuern oder öffentliche Abgaben mittels  Konkursbetreibung geltend gemacht werden. Dies dürfte so manches wackeliges Unternehmen vollends ruiniert haben. Die bisherigen Erfahrungen lassen eine Prognose zu, wie viele Unternehmen in den nächsten Jahren ihr Ende finden dürften. Zwischen 2026 und 2028 dürften die Insolvenzen einen Sprung nach oben vollziehen, von derzeit 12’000 auf über 14’000. Unter der Annahme, dass auch weiterhin rund 22% aller Insolvenzen von Baubetrieben ausgehen, ist mit 9’500 Firmenpleiten im Bau in den nächsten drei Jahren zu rechnen. Es ist also weiterhin mit Schlagzeilen über Rekordinsolvenzen zu rechnen, aber eine echte Überraschung sind sie nicht – sie sind vor allem das Resultat einer regen Gründungsaktivität in den vergangenen Jahren.

Moderate Erneuerungsrate

Im Hochbau kommen jedes Jahr etwa 10% neue Firmen – gemessen am aktuellen Bestand – hinzu. Zugleich schliessen 6.5% der Hochbau-Unternehmen. Im Hochbau wächst also der Bestand an Unternehmen um 3.2% jährlich. Solche hohen Gründungs- und Schliessungsraten bedeuten zweierlei: erstens, dass der Wettbewerb hoch ist – die Eintrittsschwellen sind niedrig und die Gewinnmargen ebenfalls. Zweitens ist eine solche Branche von grosser Dynamik gekennzeichnet. Kapital als auch Beschäftigte werden immer wieder neu kombiniert, wodurch sich neue Chancen ergeben. Beispielsweise breitet sich damit bestehendes Wissen auf neue Firmen aus. Neue Unternehmen haben die Möglichkeit, sich zu spezialisieren und damit attraktive Gewinne zu erwirtschaften.  Im Tiefbau (Gründungen 3.8%, Schliessungen 3.0%) als auch im Ausbaugewerbe sind die beiden Raten (Gründungen 5.9%, Schliessungen 4.6%) wesentlich tiefer. Man muss der Vollständigkeit halber aber erwähnen, dass zwei Drittel der Insolvenzen in der Baubranche dem Ausbaugewerbe zuzuordnen sind, weil hier wesentlich mehr Firmen existieren als im Hochbau oder Tiefbau.

Über den Autor

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Luiza Maria Maniera

lmaniera@baumeister.ch

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