Menschenzentriert zusammenarbeiten

Michel Ducommun, Präsident der Fédération Vaudoise des Entrepreneurs (FVE), wird am Tag der Bauwirtschaft vom 27. Juni auf dem Gelände der EPFL ein Referat halten. Gespräch zum Thema Krise mit einem Mann, der gern Klartext redet.

 

Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation im Westschweizer Baugewerbe?

Ich erkenne verschiedene Anzeichen dafür, dass es sich auf einer Achterbahn befindet. Zunächst einmal ist zumindest im Kanton Waadt in den letzten drei Quartalen die Zahl qualifizierter Arbeitskräfte im Hoch- und Tiefbau deutlich zurückgegangen. Es stehen rund 500 Personen weniger zur Verfügung. Inzwischen sind es – erstmals seit 2018 – weniger als 10 000 Beschäftigte…

Ausserdem wird vermehrt auf temporäre Mitarbeitenden zurückgegriffen. Man stellt ein, man entlässt, man stellt wieder ein, sicher auch weil gewisse Bauprojekte aufgrund von langwierigen Verfahren, ideologischen Blockaden oder Einsprachen vertagt werden. Man stelle sich vor: Ein einziger Baum kann ganze Projekte und Quartiere lahmlegen.

Sind wir heute nicht weltweit mit einer gewissen politischen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Instabilität konfrontiert?

Das Klima ist für die neuen Generationen tatsächlich ziemlich beunruhigend. Als Unternehmer stelle ich fest, dass man erfinderisch sein muss, um junge Menschen oder bestimmte Kompetenzen für sich zu gewinnen. Freizeit ist ihnen wichtig, damit sie ihr Leben geniessen können. Hier sei an die Verantwortung der Gewerkschaften appelliert. Sie müssen endlich aufhören, die Arbeitsbedingungen und Berufe anzuschwärzen. Diese negative Darstellung fördert das Interesse keineswegs und schreckt die Eltern ab.

Somit haben wir also einerseits die Begeisterung, die Kreativität, und andererseits abseits von der Front die administrative Realität. Unter anderem blockierte Bauprojekte und die Zimperlichkeit gewisser öffentlicher Bauherrschaften. Obwohl die Bevölkerung wächst. Was kann die FVE selbst tun oder was sieht sie als Lösung für eine Umkehr dieses negativen Trends?

Wir als Baumeister sind Meister unseres eigenen Fachs. Wir sind für die Ausführung eines Bauwerks zuständig, nicht für seine Planung. Ausserdem sind die Normen und Verfahren ein regelrechter Hemmschuh. Nur ein Beispiel: Bei einem Angebot entfallen auf zwei Seiten Berechnungen und zudem 88 Seiten allgemeine Geschäftsbedingungen. Warum ist es so weit gekommen? Weil sich alle absichern wollen. Niemand hat mehr Mut, niemand will mehr Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen. Und wer sind letztlich die Leidtragenden? Wir, die Baumeister am Ende der Kette. Von den Akteuren ist jedoch Teamarbeit gefragt, sie müssen die Leute an einen Tisch bringen und den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Projekte stellen. Es ist unerlässlich, dass sich die Materialien und Berufe gegenseitig ergänzen und dass wir von der FVE wieder vermehrt im Vordergrund stehen.

Bezüglich Hemmschuhe setzen wir uns für eine Konsolidierung der Baurechte ein, um beispielsweise zu verhindern, dass ein Projekt nach dem Durchlaufen aller demokratischen Instanzen aufgrund einer Initiative unzufriedener Nachbarn an der Urne abgeschmettert wird. Die Politik muss sich damit auseinandersetzen, um den Teufelskreis der Blockaden zu durchbrechen.

Im Übrigen arbeiten wir eng mit den gewählten Volksvertreterinnen und ‑vertretern zusammen. Die Verwendung der Baustellenkarte soll unangenehme Überraschungen für Bauunternehmen und Bauherrschaften vermeiden. Auch hier sollten der Staat und die Gemeinwesen mit gutem Beispiel vorangehen, statt alles noch komplizierter zu machen.

Zur Person

Von 2014 bis 2024 leitete Michel Ducommun in der Fédération vaudoise des entrepreneurs (FVE) das Ressort Holz. Im September 2024 wurde er Präsident des Verbandes. Daneben gehört er der Geschäftsleitung des Familienunternehmens Menuiserie Ducommun SA mit rund 30 Beschäftigten an.

Über den Autor

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