«Praxis soll in der akademischen Lehre wieder einen Platz haben»

Philipp Häfliger leitet als «Professor of Practice» das neuen CAS an der ETH Zürich. Zu diesem können «sur dossier» auch Fachleute ohne klassischen Hochschulabschluss zugelassen werden.

Philipp Häfliger leitet als «Professor of Practice» das neue CAS «Infrastrukturbau-Management» an der ETH Zürich. Zu diesem können «sur dossier» auch Fachleute ohne klassischen Hochschulabschluss zugelassen werden. Im Interview schildern Gian-Luca Lardi, Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes, und Häfliger, warum der SBV sich für diesen neuen Bildungsweg stark gemacht hat.

An der ETH Zürich wird zurzeit unter Mitwirkung von Praxis- und Verbandsvertretern von SBV, SIA und suisse.ing ein Lehrgang «CAS Infrastrukturbau-Management» aufgebaut. Der Start ist im Herbst 2025. Was waren die Beweggründe für die Lancierung?

Gian-Luca Lardi: Unsere Generation erhielt damals an der ETH noch eine praxisbezogene Ausbildung, mit betriebswirtschaftlichen Inhalten sowie dem Erlernen von praxisnahen Prozessen. Das hat sich aber in den letzten 30 Jahren geändert. Uns war es wichtig, dass die praxisnahe Ausbildung an der ETH Zürich wieder stärker gewichtet wird, weil entsprechend ausgebildete Fachleute heute im Markt fehlen. Es zeigt sich, dass die Praxis in der akademischen Lehre wieder einen Platz haben muss.

Philipp Häfliger: Das CAS im Infrastrukturbau-Management ist ein gemeinsamer Lehrgang an der ETH Zürich unter starker Mitwirkung und Einbezug von Vertretern aus den erwähnten Verbänden und weiteren Fachpersonen mit langjährigen Praxiserfahrungen. Das Konzept, der Aufbau der Lektionen sowie die Übungen wurden in einer Arbeitsgruppe entwickelt und der Inhalt der vier Module auf die Lebenszyklen eines Bauobjektes abgestimmt. Wir wollen damit auf Stufe Hochschule den wichtigen Dialog zwischen der Akademie und der Bauindustrie fördern sowie auch den Ruf der ETH Zürich als führende Institution in der Infrastrukturausbildung weiter stärken. Als Programmleiter bin ich mit meinem Dozententeam für den Inhalt und die Durchführung des CAS verantwortlich.

Welche Rolle spielte der SBV bei der Entwicklung dieses CAS?

Lardi: Der SBV war zwar der Initiant, aber uns war von Anfang an klar, dass das Thema nicht nur die Ausführenden betraf, sondern auch die Planenden und die Bauherrschaften. So holten wir auch den SIA sowie suisse.ing an Bord. Als sich zeigte, dass das erste CAS im Infrastrukturbau angesiedelt würde, gingen wir zusätzlich auf unseren Fachverband Infra Suisse zu. Im Hochbau gibt es zwar denselben Bedarf an einer praxisnahen Ausbildung, aber wir sind mit dem Infrastrukturbau gestartet, weil hier die Projektgrösse öfter zu grosser Komplexität führt. Das Ziel ist es, dass die praxisnahe Ausbildung dereinst die ganze Bandbreite der Bauindustrie umfasst, von der Raumplanung bis zum Hoch- und Infrastrukturbau.

Häfliger: Der SBV hat als zentrale Partnerorganisation eine wichtige Rolle im Aufbau des CAS Infrastrukturbau-Management eingenommen. Er hat sich aktiv sowohl in der Arbeitsgruppe wie auch im Lenkungsausschuss engagiert und somit wesentlich zur Entwicklung und der konkreten Umsetzung dieser Weiterbildung beigetragen.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis für die Baubranche?

Häfliger: Der Wissenstransfer bildet die unverzichtbare Brücke zwischen der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung der Hochschule und der praktischen Umsetzung in der realen Bauwelt. Gerade durch ein praxisnah ausgerichtetes CAS-Programm wird dieser Austausch gestärkt. Beide Seiten profitieren davon: Einerseits gelangen neue Erkenntnisse und Ergebnisse aus Forschungsprojekten – etwa im Bereich nachhaltiger Baustoffe oder der Robotik – direkt in die Anwendung. Auf der anderen Seite erhält die Hochschule frühzeitig Rückmeldungen zur Praxistauglichkeit und zur Relevanz ihrer Entwicklungen und Start-ups. In einer Branche wie dem Bauwesen, in der sowohl die Technologien als auch die organisatorischen Anforderungen bei grossen Infrastrukturprojekten stetig anspruchsvoller werden, schafft dieser Austausch wertvolle Impulse. Er entlastet insbesondere junge Führungskräfte und unterstützt sie dabei, Innovationen wirksam in ihre Projekte zu integrieren.

Lardi: Aus Sicht des SBV sollte sich die Wissenschaft auch an den Bedürfnissen der Praxis orientieren. Innovationen sind im Markt nur dann sinnvoll, wenn sie einen echten Mehrwert bringen.

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte im Bau in Zukunft besonders dringend – und wie fördert das CAS diese?

Lardi: Ein wichtiger Grund, warum wir das CAS angestossen haben, ist die Tatsache, dass zwischen den Projektbeteiligten häufig das gegenseitige Verständnis fehlt. Die Absolventinnen und Absolventen wechseln von der Hochschule zum Bauherrn, ins Planerbüro oder in die Bauunternehmung und bleiben oft jahrzehntelang in derselben Rolle. Das führt naturgemäss zu einer einseitigen Denkweise und oft auch zu Voreingenommenheit. Wir als Verband engagieren uns dafür, dass es bei Bauprojekten ein gegenseitiges Verständnis für die anderen Rollen gibt. Wir wollen weg von der dadurch entstandenen Konfliktkultur zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, in welcher das Beste für das Projekt angestrebt wird.

Häfliger: Unsere Führungskräfte und Verantwortungsträger in der Baubranche – und damit sind alle Projektpartner gemeint – sehen sich im Infrastrukturbau mit zunehmend komplexen Anforderungen konfrontiert. Das verändert die Rollen und das notwendige Kompetenzprofil spürbar. Die erfolgreiche Umsetzung von Projekten verlangt heute ein breit abgestütztes Generalistenwissen. Wir bauen in einer bereits dicht genutzten Umgebung, gleichzeitig müssen wir auf sich wandelnde gesellschaftliche und ökologische Bedürfnisse eingehen – etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Naturgefahren oder beim Bauen unter laufendem Verkehr. Im Rahmen des CAS geht es deshalb auch darum, das Managen im Sinne eines systemischen Verständnisses zu fördern – also Fachwissen zu bündeln, Zusammenhänge zu erkennen und interdisziplinär zu denken.

Welche Lücke im aktuellen Weiterbildungsangebot schliesst dieses neue Programm aus Ihrer Sicht?

Lardi: Die bereits erwähnte Praxisnähe. Gewisse Module aus dem CAS sollte man zu einem späteren Zeitpunkt in die Masterausbildung integrieren, damit die Grundbildung wieder näher an die Praxis rückt.

Häfliger: Das neue CAS schliesst eine wichtige Lücke zwischen technischem Fachwissen und den strategischen, interdisziplinären Anforderungen, die heute an Fach- und Führungskräfte im Infrastrukturbau gestellt werden. Bisherige Weiterbildungsangebote sind oft entweder stark technisch – etwa zu Bauverfahren oder einzelne Fachbereiche ausgerichtet oder sie bleiben allgemein beim Projektmanagement und Leadership. Was fehlt, ist ein Programm, das ganz bewusst die Komplexität mittlerer und grösserer Infrastrukturprojekte ins Zentrum stellt: politische Rahmenbedingungen, Umweltauflagen, Stakeholder-Interessen, Möglichkeiten der Digitalisierung, Aspekte der Nachhaltigkeit und die Besonderheiten öffentlicher Auftraggeber. Genau hier setzt das CAS an. Es vermittelt nicht nur technisches Fachwissen, sondern befähigt die Teilnehmenden, übergreifende Zusammenhänge zu erkennen und integrativ zu handeln – also technische, organisatorische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte miteinander zu verzahnen. So bereitet es konkret auf jene Aufgaben vor, die sich im Spannungsfeld von Planung, Umsetzung und strategischer Steuerung abspielen – eine Kompetenz, die in der Branche zunehmend gefragter, aber bislang kaum systematisch vermittelt wird.

Die ETH Zürich eine der weltweit führenden Universitäten. Wie hat es der SBV geschafft, dort ein neues CAS zu implementieren?

Lardi: Es ist eines von zahlreichen Resultaten aus unserer kontinuierlichen Netzwerk- und Lobbying-Arbeit.  Wir mussten wie so oft auch sehr hartnäckig sein. Ein weiterer Erfolg war es für uns auch, dass unserem Kandidaten schliesslich die Professor of Practice verliehen wurde und dieser nun von allen Verbänden unterstützt wird.

Wie ist für Sie, Herr Häfliger, als Mann der Praxis, an der ETH Zürich zu unterrichten?

Häfliger: In meinen über 30 Jahren Praxis auf grösseren und oft hochkomplexen Infrastrukturprojekten in der Schweiz und auch im Ausland habe ich viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, die ich nun gerne an die nächste Führungsgeneration weitergebe. Mein Ziel ist es, künftige Führungskräfte optimaler auf die Herausforderungen der Arbeitswelt in ihren neuen Funktionen vorzubereiten. Dabei liegt mir besonders am Herzen, Theorie mit gelebter Praxis eng zu verknüpfen, um den Teilnehmenden ein realistisches, praxisnahes Verständnis zu vermitteln.

Was sind die zentralen Inhalte und Ziele des neuen CAS?

Häfliger: Das CAS Infrastrukturbau-Management vermittelt gezielt interdisziplinäre Fähigkeiten an Führungskräfte. Die Teilnehmenden erhalten einen ganzheitlichen Einblick in die verschiedenen Phasen eines Infrastrukturprojektes – von der Entwicklung und Planung über die Realisierung bis hin zum Betrieb und der Instandhaltung. Dabei steht, wie bereits von Gian-Luca erwähnt, das Verständnis für die Perspektiven aller beteiligten Akteure im Zentrum. Ein besonderer Schwerpunkt liegt zudem auf einer konstruktiven Umgangskultur und partnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Lardi: Ergänzend möchte ich festhalten, dass die vielen Eigenheiten des Schweizer Marktes ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung sind. Das Ziel ist es, unseren Markt durch sehr gut und praxisorientiert ausgebildete Fachleute zu stärken, etwa durch das Implementieren von vorbildlichen Prozessen und Modellen. Wenn dadurch zum Beispiel unser Schweizer Modell der Projektallianz besser wird als andere IPD-Modelle, kann die ETH dieses Modell als Exportprodukt in die normale Lehre integrieren und profitiert ihrerseits.

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit dem Programm konkret an?

Häfliger: Das CAS Infrastrukturbau‑Management richtet sich an Fachleute mit Berufserfahrung in Genehmigung, Entwicklung, Planung, Bau, Erhalt oder Betrieb von Infrastrukturbauten. Die Teilnehmenden sollen dank dem erworbenen Wissen vermehrt Führungsaufgaben übernehmen und ihre berufliche Perspektive verbessen können. Das CAS Infrastrukturbau-Management ermöglicht den Absolventen Aufstiegsmöglichkeiten in Projekt- und Gesamtprojektleitungen bei Behörden, Planern, Bauunternehmen und Betreibern von Infrastrukturbauten. Dabei ist das Programm bewusst breit zugänglich: Eine Zulassung «sur dossier» macht es auch für Kandidatinnen und Kandidaten ohne klassischen Hochschulabschluss attraktiv.

Lardi: Ja, das ist wichtig – der CAS richtet sich nicht nur an Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Ansonsten haben wir die Zielgruppe möglichst weit gefasst, um wie bereits erwähnt möglichst viele Perspektiven von an Infrastrukturprojekten Beteiligten zu berücksichtigen.

Welche langfristige Wirkung erhoffen Sie sich vom neuen CAS – für die Teilnehmer und für die Branche?

Lardi: Ich verspreche mir eine deutlich verbesserte Zusammenarbeit auf Projektebene. Das ergibt bessere Resultate für alle. Aus der Optik der Kadermitarbeitenden soll das CAS eine konfliktive Projektabwicklung verhindern und Prozesse verbessern. Dies bedeutet für Kadermitarbeitende, dass sie weniger aufgerieben werden. Niemand hat ein Interesse daran, die Konfliktkultur in der Baubranche aufrecht zu halten. Wenn die Zusammenarbeit verbessert wird, steigert das die Attraktivität der Bauberufe.

Häfliger: Langfristig soll das CAS dazu beitragen, die Kompetenzen im Infrastrukturbau zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln – sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene – und den Austausch zwischen der ETH Zürich und der Baupraxis zu stärken. Für die Teilnehmenden erhoffe ich mir, dass sie nicht nur ihr Fachwissen vertiefen, sondern ihre Rolle als Verantwortungsträger im komplexen Gefüge von grösseren Bauprojekten neu reflektieren. Angesichts tiefgreifender Herausforderungen – von Nachhaltigkeit und Digitalisierung bis hin zu Bauen unter Betrieb und Ressourcenschonung – brauchen wir Fachkräfte, die eingefahrene Denkmuster hinterfragen, Verantwortung übernehmen und Innovation vorantreiben. Langfristig kann das CAS dazu beitragen, dass Infrastrukturbauprojekte in der Schweiz integrierter, effizienter und zukunftsfähiger geplant und umgesetzt werden – im öffentlichen wie im privaten Sektor.

Gian-Luca Lardi, hat der SBV weitere Ziele, eine Brücke zwischen der akademischen Forschung und und der Bauindustrie zu schlagen?

Lardi: Wenn sich zeigt, dass der Markt positiv auf das neue CAS reagiert, ist der logische Schritt, die Erfahrungen von der ETH Zürich auf die EPFL zu übertragen. Der Bedarf an entsprechend ausgebildeten Fachleuten ist in der lateinischen Schweiz genauso gross wie in der Deutschschweiz. Je nachdem könnte ich mir auch einzelne Fachveranstaltungen zu den verschiedenen Themen vorstellen.

 

 

 

 

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