Rohbau Vogelperspektive

Rechnet sich die Digitalisierung auf der Baustelle?

BauTechTalk, Folge 34, mit Benjamin Kuster, Founder & Trusted Advisor der Leadway Intelligence AG

Erster Arbeitstag, sieben Uhr morgens. Der Lehrling hat in der Schule seine Vorträge mit ChatGPT vorbereitet, sein halbes Leben spielt sich auf dem Smartphone ab. Und jetzt drückt ihm jemand einen Block Papier in die Hand. Rapport schreiben, von Hand, wie 1985.

Diese Szene beschreibt Benjamin Kuster in der neuen Folge vom BauTechTalk. Und sie bringt das Problem auf den Punkt: Die Büros unserer Branche sind seit Jahrzehnten digitalisiert. Die Baustelle nicht. Genau dort, wo das Geld verdient wird, arbeiten die meisten Leute ohne ein einziges digitales Werkzeug.

Beni kennt beide Welten. Fünf Jahre hat er bei Beekeeper Bauunternehmen durch ihre Digitalisierungsprojekte begleitet, dieses Jahr hat er Leadway gegründet. Er entwickelt bewusst keine eigene Software, sondern bleibt unabhängig und sucht für KMU und grössere Unternehmen die Lösung, die zu ihnen passt. Seine Begründung: Der Markt dreht so schnell, dass der Marktführer von heute in einem Jahr schon abgehängt sein kann.

Im Gespräch mit Moritz und mir räumt er zuerst mit einem Vorurteil auf: dass die Leute auf dem Bau Technologie weder wollen noch können. Wie wenig das mit der Baustelle zu tun hat, habe ich selbst erst kürzlich erlebt: Ich stand für eine KI-Schulung bereit, und die Firma hatte nicht einmal die Accounts eingerichtet. Nur war das eben ein Problem im Büro – nicht an der Front. Beni bestätigt den Punkt: “Wenn es hakt, dann selten an der Front.

«Die Leute im Office sind seit Jahrzehnten digitalisiert. Die Leute an der Front haben meistens wenig oder gar keine Tools im Einsatz. Oft denkt man, dass sie das nicht wollen oder können. Fast das Gegenteil ist der Fall: Sobald das richtige Tool eingesetzt wird, sieht man, dass sie richtig aufblühen.»

Wenn die Front nicht mitzieht, liegt es also selten an der Front. Meistens liegt es an Tools, die an ihr vorbei geplant wurden. Benni erzählt vom klassischen Fall: Eine Firma investiert in eine Arbeitssicherheitslösung, die Abteilung im Büro kann effizienter rapportieren, aber der Mann an der Front bleibt aussen vor. Für ihn beginnt jede Digitalisierung deshalb bei einer einzigen Frage: Schaffen wir Adoption bei den Leuten, die wir erreichen wollen? Wo das gelingt, nimmt er nach eigener Erfahrung 97 bis 98 Prozent der Belegschaft mit.

Moritz hat im Gespräch dagegengehalten: Adoption schön und gut, aber wo bleibt der Use Case, wo der ROI? Benis Antwort fällt pragmatisch aus. Es braucht einen echten Pain als Ausgangspunkt. Das kann Datenschutz sein, wenn ehemalige Mitarbeitende noch in den WhatsApp-Gruppen der Firma hängen. Das kann eine Bauadministration sein, die ihre Tage mit dem Einfordern von Arztzeugnissen verbringt. Und beim Return unterscheidet er sauber zwischen dem, was sich rechnen lässt, und dem, was wirkt, ohne dass es eine Zahl dafür gibt. Ein digitalisierter Onboarding-Prozess schrumpft von tagelangem Aufwand auf wenige Minuten, das kann jeder CFO nachrechnen. Dass die Fluktuation sinkt, weil sich die Leute zum ersten Mal wirklich informiert und gesehen fühlen, kann niemand einer einzelnen App zuschreiben. Wirksam ist es trotzdem.

Heftig fand ich das Beispiel zur Sprachbarriere. Auf unseren Baustellen arbeiten Dutzende Nationalitäten, und wer Deutsch spricht, versteht noch lange keine komplexe Sicherheitsanweisung. Heute lässt sich eine Information direkt aufs private Handy schicken, in der Sprache des Mitarbeiters, auf Wunsch als KI-generiertes Video mit Lernkontrolle. Vergleichen wir das mit der bisherigen Methode: alle in den Container, eine Stunde Frontalschulung, und wer nichts verstanden hat, nickt trotzdem.

Bleibt der Einwand mit dem privaten Handy. Benis Antwort: Die Trennung von privat und geschäftlich ist längst gefallen, nur eben unkontrolliert, über WhatsApp-Chats, die niemand verwaltet und die in den Ferien weiterklingeln. Eine geschäftliche App lässt sich stummschalten. Die WhatsApp-Gruppe mit dem Polier nicht.

Zum Schluss zoomt Beni noch einmal heraus, und dieser Vergleich bleibt hängen. Beim alten Nokia musste man die Logik des Menüs verstehen, um ans Ziel zu kommen, und viele ältere Leute scheiterten daran. Dann kam der Touchscreen, und plötzlich konnte es jeder. KI-Agenten sind für die Software das, was der Touchscreen fürs Handy war: Man sagt, was man braucht, und muss die Logik des Tools nicht mehr begreifen. Für Firmen, die bisher wenig digitalisiert haben, steckt darin eine echte Chance auf einen Sprung nach vorn. Ein Fundament brauchen sie trotzdem. Wer nie angefangen hat, dem fehlt auch die Kultur, um Neues einzuführen.

Was heisst das jetzt für ein KMU? Benis Empfehlung besteht aus zwei Fragen. Erstens: Wo tut es am meisten weh? Meist dort, wo noch Papier im Einsatz ist und Prozesse Zeit fressen, die auf der Baustelle fehlt. Zweitens: Können wir mit der gewählten Lösung die Leute mitnehmen? Wer beide Fragen ehrlich beantwortet, so seine Erfahrung, fährt mit Quick Wins besser als mit dem Grossprojekt über mehrere Jahre.

Probieren statt studieren, haben wir in der Folge gesagt. Die ganze Diskussion gibt es jetzt überall, wo es Podcasts gibt. Den Kontakt zu Benjamin Kuster findet ihr in den Shownotes.

 

Über den Autor

pic

Artikel teilen