Schwammstädte verhindern Schäden durch Starkregen

Starkregen verursacht in der Schweiz immer häufiger grosse Schäden, vor allem durch Oberflächenabfluss in dicht bebauten Gebieten. Investitionen in die Abwasserinfrastruktur und in sogenannte Schwammstädte gewinnen an Bedeutung.

Beinahe jede Gemeinde betroffen

Die Schweiz ist immer wieder plötzlichen, mächtigen Gewittern ausgesetzt. Zuletzt etwa im Sommer 2024 als im ganzen Land nicht nur Gewässer über die Ufer traten, sondern sich auch Strassen in reissende Flüsse verwandelten oder Keller mit Wasser vollliefen.

Fachlich ist die Rede von Oberflächenabfluss. Damit ist Wasser gemeint, das bei starkem Regen nicht im Boden versickert, sondern oberirdisch über Strassen und versiegelte Flächen abfliesst. Oberflächenabfluss macht zwischen 50% und 66% der Schäden wegen Hochwasser in der Schweiz aus, der kleinere Rest resultiert aus Überflutungen (also wenn Flüsse und Seen über ihre Ufer treten). Gemäss Daten des WSL hat Oberflächenabfluss Schäden zwischen 7.3 und 9.6 Mrd. Franken (teuerungsbereinigt) in den letzten fünfzig Jahren verursacht.

Die Gefahrenkarte des BAFU zeigt, dass praktisch alle Gemeinden in der Schweiz einem Schadensrisiko durch Oberflächenabfluss ausgesetzt sind. Insbesondere dichte Ballungsgebiete, wo der Boden weitgehend versiegelt ist und wenig Grünflächen zur Verfügung stehen, sind exponiert, weil das Wasser nicht versickern kann. Gemäss Universität Bern sind 76% der Bevölkerung sowie 62% der Gebäude mit einem Neuwert von 2.3 Billionen Franken risikoexponiert.

Häufiger und stärkere Regenfälle zu erwarten

Aufgrund des Klimawandels ist in den nächsten 25 Jahren damit zu rechnen, dass starke Regenfälle immer öfter auftreten, und zwar im ganzen Land. Und dabei dürfte mehr Niederschlag fallen. Die Menge an Wasser, die plötzlich auf die Strassen und Flächen prasselt, wird steigen. Denn der Klimawandel führt zu mehr Starkregen im Sommer. Die Luft wird immer wärmer und kann damit mehr Wasserdampf aufnehmen. Bei Abkühlung werden die Gewitter damit heftiger. Abgesehen von den Wintermonaten resultiert ein durchgehend höherer Niederschlag als früher. Die Gefahr für den Oberflächenabfluss und damit verbundene Schäden nimmt zu. Um sie in den Griff zu bekommen, können die Infrastruktur für Abwasser modernisiert und sog. Schwammstädte entwickelt werden.

Infrastruktur für Abwasser sanieren und ausbauen

Um den Oberflächenabfluss zu bewältigen, ist eine funktionierende Kanalisation mit ausreichenden Kapazitäten zur Aufnahme und Reinigung von Wasser wichtig. Die meisten Rohre in der Schweiz wurden in den 1970er und 1980er verlegt, sie müssen altersbedingt in den nächsten Jahren ersetzt werden. Aber nicht nur öffentliche Leitungen, sondern auch die Entwässerungssysteme von privaten Liegenschaften müssen oft saniert werden. Letztlich müssen Abwasserreinigungsanlagen (Klärwerke) auf den aktuellen Stand der Technik gebracht und ihre Kapazitäten ausgeweitet werden, weil die Bevölkerung wächst. Über die nächsten 25 Jahren ist mit einem Investitionsbedarf von 96 Milliarden Franken zu rechnen. Das Bauhauptgewerbe dürfte von diesen Sanierungen profitieren. Schliesslich müssen Böden entsiegelt sowie Strassen aufgerissen und wieder geschlossen werden, damit unterirdische Rohre ausgetauscht werden können. Häufig werden diese Arbeiten in bereits besiedeltem Gebiet stattfinden.

Schwammstädte sind Teil der Lösung

Ausser der Kanalisation können Städte mittels Planungskonzept zu «Schwämmen» umgestaltet werden, um Schäden durch Oberflächenabfluss zu verhindern. Eine Schwammstadt ist so gestaltet, dass sie Regenwasser wie ein Schwamm aufsaugt und vorübergehend speichert anstatt es rasch abzuleiten. Damit kann der Oberflächenabfluss bei Starkregen bekämpft werden. Neben der Abwendung von Schäden in Risikomomenten bietet das Schwammkonzept noch andere Vorteile. Das gespeicherte Wasser kann zur Abkühlung der Umgebungstemperatur genutzt werden. Die Stadt Fribourg plant sogar, mit dem Wasser Strom zu erzeugen.

Bestandteile von Schwammstädten sind oft riesige unterirdische Wasserspeicher (Rückhaltebecken und Tunnel), die Entsiegelung von Betonflächen, mehr Grünflächen auf Boden und Gebäudedächern und -fassaden, mehr Teiche und Parks, versickerungsfähige Pflastersteine und Betonflächen, Wasserleitungen am Strassenrand, usw. Bauliche Investitionen sind entscheidend, um mögliche Schäden durch Oberflächenabfluss zu vermeiden.

In der Schweiz gibt es bislang nur einzelne Pilotprojekte, eine systematische Kostenschätzung ist daher kaum möglich. Andere Städte auf der Welt sind schon weiter und können für einen Kostenvergleich herangezogen werden. Die meisten Projekte betreffen grosse Stadtteile, die baulichen Massnahmen und geographischen Umstände variieren. Die Kosten belaufen sich meistens auf mehrere Hundert Millionen, wenn nicht ein paar Milliarden Franken. Die Baudauer ist in der Regel auf 20 bis 25 Jahre ausgelegt. Pro betroffenen Bewohner kann die Schweiz wohl von Kosten von rund 1’000 Franken ausgehen. Dieser Wert wird in Kopenhagen und Philadelphia erreicht, Städte mit einer ähnlichen Bevölkerungsdichte. Gerade die grossen Städte in der Schweiz sollten über solche Investitionen nachdenken. Bei einer Dauer von 20 Jahren entsprechen sie 50 Franken pro Einwohner und Jahr. Zum Vergleich: die Tiefbauausgaben betragen in der Schweiz 1’500 Franken pro Einwohner und Jahr. Daran gemessen würde die Schwammstadt nur 3% ausmachen. Der potentielle Schaden durch Oberflächenabfluss dürfte sogar noch ungleich höher ausfallen.

Über den Autor

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Luiza Maria Maniera

lmaniera@baumeister.ch

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