«Szenarienplanungen begleiten uns täglich»

Der Wasserbau ist für Bauunternehmer herausfordernder als das Bauen an Land, sind sich die beiden Wasserbauexperten Markus Marti von Meier + Jäggi und Christoph Rüegg von der Kibag einig. 

Welche bautechnischen Herausforderungen entstehen beim Bauen im Wasser im Vergleich zum Bauen an Land?

Christoph Rüegg: Bauarbeiten im Wasser stellen grundsätzlich erhöhte Anforderungen an Gerätschaften und an das Personal. Die Baugrundverhältnisse sind meistens deutlich herausfordernder als an Land. Auch die Witterungsverhältnisse wie Wellengang, Hochwasser und Ähnliches können die Arbeiten zusätzlich erschweren. Das Personal muss für die Arbeiten auf dem Wasser mit zusätzlicher PSA ausgerüstet und entsprechend geschult werden. Die Gerätschaften müssen stets in einwandfreiem Zustand gehalten werden, um allfällige Havarien zu vermeiden.

Markus Marti: Beim Bauen im Wasser sind Baugrundsicherung, Wasserhaltung und der Zugang zur Baustelle die zentralen Herausforderungen. Strömungen, Wellengang und wechselnde Wasserstände erfordern oft spezielle Hilfsmittel wie Pontons, Spundwände oder auch Senkkästen. Zudem ist die Logistik auf dem Wasser aufwändiger. Der Materialumschlag, die Maschinenstandorte, sowie die Sicherheit müssen detailliert geplant werden. Und genau darin liegt die Stärke der M+J AG. Mit modernster Technik, einem erfahrenen und motiviertem Team meistern wir Projekte, die Präzision, Verantwortung und Variantendenken verlangen.

Birgt das Bauen im oder am Wasser zum Beispiel aufgrund des instabilen Kiesuntergrundes für die Bauunternehmer ein höheres unternehmerisches Risiko?

Rüegg: Eine gute Planungsarbeit der beteiligten Planer und Ingenieure ist wesentlich für das gute Gelingen während der Realisierung. Auf beiden Seiten, beim Unternehmer wie auch beim Planer, muss die entsprechende Erfahrung vorhanden sein, um die baulichen Risiken im Voraus gut abschätzen zu können. Grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass der Baugrund im oder am Wasser heikler ist. Eine vorgängige Baugrunduntersuchung durch einen fachkundigen Geologen sollte im Rahmen der Projektierung vorgenommen werden. Dies hilft dem Ingenieur, die richtige Baumethode zu wählen und dem Unternehmer, die korrekten Gerätschaften einzusetzen. Die Wahl einer falschen Baumethode oder einer inkorrekten Bauweise verursacht im Wasserbau sehr hohe Kosten und starke Terminverschiebungen.

Marti: Ja, das Risiko ist klar höher. Der Baugrund unter Wasser ist kein statisches Element, sondern ein lebendiges System. Kiesböden sind durchlässig, setzungsanfällig und in Bewegung, vor allem in Fliessgewässern. Was heute tragfähig scheint, kann morgen ausgespült sein. Das unternehmerische Risiko liegt dabei nicht nur im Bau selbst, sondern auch in der Planbarkeit und den möglichen Kostenfolgen bei unvorhersehbaren Veränderungen. Unsere Antwort darauf ist Erfahrung – und zwar nicht theoretisch, sondern aus jahrzehntelanger Praxis auf Schweizer Flüssen und Seen. Die Meier und Jäggi AG kennt die typischen Fallstricke und nutzt dieses Know-how, um Risiken früh zu erkennen und technisch wie organisatorisch abzusichern.

Wie unterscheiden sich die Planungsphasen bei Wasserbauprojekten im Vergleich zu Landprojekten?

Marti: Neben der klassischen Bauplanung müssen Hydraulik aber auch Hochwasserrisiken, sowie die Logistik auf dem Wasser frühzeitig berücksichtigt werden. Die Ausführungsplanung muss oft flexibel bleiben, weil sich die Bedingungen kurzfristig ändern können – Szenarienplanungen sind unsere täglichen Begleiter.

Rüeggg: Die Planungsphasen sind bei Wasserbauprojekten ähnlich wie bei Landprojekten. Der Umfang kann jedoch stark abweichen, je nach Komplexität des Projektes. Bei Bauarbeiten in Gewässern sind immer mehrere Parteien mit unterschiedlichen Themen beteiligt. Man bewegt sich stets in einem Spannungsfeld mit verschiedenen Interessensvertretern. Zum einen gilt es, die Anliegen des Naturschutzes und der Fischerei zu berücksichtigen und zu wahren. Zum anderen kommen raumplanerische Themen in den Vordergrund. Gesellschaftliche Anliegen wie die Nutzung der Gewässer durch die Öffentlichkeit etwa durch Wassersport oder die Schifffahrt spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Immer wieder hat man auch mit Themen wie Archäologie und Altlasten im Uferbereich) zu tun. Diese Spannungsfelder können zum Teil sehr herausfordernd sein und erfordern entsprechende Erfahrung und Know-how.

Wie hoch ist der Aufwand in Bezug auf Genehmigungen und rechtliche Auflagen bei Projekten im Wasser?

Rüegg: Der Genehmigungsaufwand ist im Verhältnis höher als bei Landprojekten. Ein Bauprojekt in einem öffentlichen Gewässer bedarf immer einer Ausnahmebewilligung. Diese wird nur unter Auflagen und nur bei einwandfrei projektierten Projekten, die die Bedürfnisse der Gewässer nicht ausser Acht lassen, erteilt. In der Regel sind die Kantone und ihre zuständigen Ämter für die Bewilligung zuständig. Bei einer guten und vorausschauenden Planung durch im Wasserbau erfahrene Planer und Ingenieure können die Projekte effizient bis zur Genehmigung gebracht werden. Wir als ausgewiesene Baufachleute im Wasserbau stehen dabei sehr gern für einen fachlichen Austausch zur Verfügung.

Marti: Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen, da Eingriffe in Gewässerräume eine Vielzahl an gesetzlichen Vorgaben betreffen, wie Wasser-, Umwelt-, Fischerei- oder Baurecht. In der Regel jedoch werden diese Aufgaben im Vorfeld vom beauftragten Planungsbüro übernommen, welches die nötigen Bewilligungen koordiniert und mit den zuständigen Fachstellen abstimmt.

Beim neuen öffentlichen Beschaffungsgesetz wird die Nachhaltigkeit höher gewichtet als früher. Was bedeutet das für den Wasserbau?

Marti: Nachhaltigkeit bedeutet im Wasserbau insbesondere, Eingriffe in Gewässerräume möglichst minimal zu halten. Wiederverwendbare Materialien, emissionsarme Maschinen und ökologische Bauzeitfenster – Stichwort Fischschonzeiten – spielen eine zentrale Rolle. Nachhaltigkeit ist für uns kein Trend, sondern Grundsatz – ökologisch, wirtschaftlich und sozial.

Rüegg: Für uns beginnt das nachhaltige Bauen schon in der Offertphase bis hin zur Realisierung. In der Regel werden die Wasserbauprojekte für eine lange Lebensdauer ausgelegt. Dadurch müssen sie entsprechend robust und dauerhaft sein, denn das Bauen im und unter Wasser ist vergleichsweise teuer.

Sind eigene Lösungen beim Wasserbau eher möglich als beim Bauen an Land?

 

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Ja ganz klar, da aufgrund der Einzigartigkeit jedes Gewässers standardisierte Lösungen selten möglich oder machbar sind. Das eröffnet bestimmten Spielraum für Varianten, erfordert aber auch viel Erfahrung in Konstruktion und dem eigentlichen Handwerk unter «Wasserbedingungen». Darum unser Motto: wir bauen dort, wo andere nicht mehr weiterkommen und schaffen bleibende Werte.

Grundsätzlich ja, wenn dies im Sinne des bewilligten Projektes steht. Oft werden optimierte Lösungen zusammen mit dem zuständigen Ingenieur gesucht. Unser Anliegen ist stets die Ausführung eines qualitativ hochwertigen und dauerhaften Bauwerks, welches den Qualitätsansprüchen der Bauherrschaft entspricht und den gesetzten Kostenrahmen einhält.

Beim Bauen im Wasser kommen speziell geschulte Personen zum Zug, etwa Taucher. Wie finden Sie in Zeiten von Fachkräftemangel solches Personal?

Marti: Wo immer möglich, setzen wir auf eigenes, intern ausgebildetes Personal. Der Erfahrungsschatz im Wasserbau lässt sich nicht kurzfristig ersetzen. Wir haben das Glück, dass einige unserer Mitarbeitenden aktive Pontoniere sind. Sie bringen nicht nur technisches Verständnis für Strömung, Manövrieren und Wasserarbeit mit, sondern auch eine echte Leidenschaft für den Umgang mit Boot und Wasser.

Rüegg: Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist und wir uns auch stellen müssen. Aufgrund der hohen Ausbildungs-Anforderungen bei Spezialisten wie etwa bei Tauchern ist es schwer, bereits gut ausgebildetes Personal zu finden. Interne Aus- und Weiterbildungen sind unumgänglich. Leider ist es (Stand heute) nicht möglich, in der Schweiz eine anerkannte Ausbildung zum Berufstaucher zu absolvieren. Die Branche ist in der Schweiz überschaubar und bei Engpässen hilft man sich aus.

Welche technischen Innovationen haben Ihrer Meinung nach den Wasserbau in den letzten Jahren besonders verändert?

Rüegg: ROV (remotely operated underwater vehicle) sind Tauchroboter, welche zum Beispiel für Kontrolltauchgänge in grösseren Tiefen eingesetzt werden können.

Marti: Eine tolle Ergänzung zu unserem Know-how ist die GPS-gestützte Maschinenführung. Zum Beispiel beim Baggern mit Sichttiefe von null Komma null null. M+J AG nutzt diese Systeme projektübergreifend.

Die Sicherheit auf Baustellen ist wichtig. Wie gewährleisten Sie die Arbeitssicherheit auf Baustellen am oder auf dem Wasser?

Marti: Sicherheit muss bei der Planung beginnen! Zugangssicherungen, Schwimmhilfen, Notfallkonzepte müssen von Anfang an definiert sein. Wetterabhängige Risikobeurteilungen und das Einhalten der SUVA-Vorgaben für Arbeiten auf dem Wasser sind Standard.

Rüegg: Tatsächlich fängt die Sicherheit auf Baustellen im Wasserbau bereits bei der Planung an. Weiter ist eine akribische Arbeitsvorbereitung (AVOR) mit Gefahrenermittlung und Massnahmenplanung unumgänglich. Während der Bauausführung ist es wichtig, die richtig ausgebildeten Fachpersonen und Spezialisten, wie aber auch das richtige Material und Inventar entsprechend einzusetzen.

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas – ist der Schweizer Wasserbau im internationalen Vergleich auch top?

Marti: Ich bin der Meinung, dass der Schweizer Wasserbau international einen guten Ruf besitzt, klein, aber fein, nicht zuletzt wegen seiner Innovationskraft und der engen Zusammenarbeit zwischen Bauunternehmungen, Ingenieuren und Behörden.

Können Sie ein besonders herausforderndes Projekt nennen, das Sie im Wasser realisiert haben – und was Sie daraus gelernt haben?

Rüegg: Aktuell realisieren wir die neue Landungsstelle Zürich-Wollishofen der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). (Bauherrin: Stadt Zürich; Wasserbauingenieur: Triton AG). Dank einer guten Projektierungs- und Planungsphase sämtlicher involvierter Parteien, der akribischen AVOR des Unternehmers sowie des qualifizierten Fachpersonals konnte die Realisierung bis dato einwandfrei und termingerecht ausgeführt werden.

Marti: Ein aktuelles und technisch besonders anspruchsvolles Projekt ist unsere Mitwirkung beim Hochwasserschutz in Sarnen. In diesem Projekt setzen wir unsere patentierte Ringspriessung ein. Ein Verfahren, das in Kombination mit Spundwänden eine kontrollierte, trockene Baugrube bis auf 17 Meter unter den Seespiegel ermöglicht.

Markus Marti ist Spartenleiter Rammen/Stahlbau, Spezialtiefbau bei Meier + Jäggi, Christoph Rüegg ist Spartenleiter Wasserbau bei der Kibag. 

Über den Autor

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