Turmbau mittels 3D-Druck

Im Bündner Bergdorf Mulegns wird nächstes Jahr mit dem «Weissen Turm» eine der höchsten Bauten realisiert, die je im 3D-Verfahren von Robotern gedruckt wurde. Zusammen mit dem historischen Sockel, auf dem der Turm zu stehen kommt, wird die Gesamthöhe 29 Meter betragen. Der «Weisse Turm» wird dreidimensional in Beton gedruckt. Der dreidimensionale Druck ist ein additives Herstellungsverfahren, das mittels eines digital erzeugten Konstruktionsmodells Frischbeton in Schichten aufträgt. 

 

Bündner Baumeister realisierten in der Vergangenheit insbesondere in Deutschland prächtige Barockbauten. Dass sie, um Erfolg zu haben, auswandern mussten, war die Regel. Der arme Bergkanton Graubünden vermochte seine Bewohner nicht zu ernähren. Das Weggehen war deshalb für viele traurige Realität. Einigen war im Ausland allerdings ein Erfolg beschieden, etwa den Zuckerbäckerfamilien Poltera und Jegher, die zurückkehrten und in Mulegns stattliche Villen errichteten.

Im Passdorf Mulegns war das Reisen lagebedingt ein grosses Thema, eine Chance, denn es brachte Gäste, aber auch eine Bedrohung, weil viele, zu viele, wegzogen. 16 Einwohnerinnen und Einwohner zählt das Dorf noch, es ist vom Aussterben bedroht. Die Nova Fundaziun Origen, Trägerin des renommierten Wakkerpreises 2018, versucht den grossartigen kulturhistorischen Baubestand des Dorfes zu retten und gleichzeitig den Ort an der historischen Julierstrasse neu zu beleben. In den vergangenen Jahren wurde bereits viel erreicht. Die unter eidgenössischem Schutz stehende Weisse Villa konnte etwa mittels einer spektakulären Verschiebungs-Aktion gerettet werden.

Zusammenarbeit mit der ETH Zürich 

Nun soll in Mulegns in Sachen Bautechnik nochmals ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Auf einen historischen Sockel kommt ein im 3D-Verfahren von Robotern gedruckter Aufbau in Form eines Turmes. Seine Form ist zweifellos von den Barockbauten ausgewanderter Bündner Baumeister sowie den Leckereien der Zuckerbäcker inspiriert. Gleichzeitig beweist sie, dass Bauen im 3D-Verfahren eine ganz neue Formensprache ermöglicht. Die neue Technologie – es handelt sich um eines der höchsten Bauwerke, die jemals im 3D-Verfahren von Robotern gedruckt wurden – wurde von der ETH Zürich entwickelt, mit der die Nova Fundaziun Origen für die Realisierung dieser Baute zusammenarbeitet. «Das Projekt «Weisser Turm» ist ein globaler Meilenstein in der digitalen Fabrikation und demonstriert die ausserordentliche Forschungskompetenz der ETH Zürich im Bereich Digitales Bauen», so Giovanni Netzer, Sprecher der Nova Fundaziun Origen. Der Durchmesser des Turmes an seiner breitesten Stelle beträgt 9 Meter. Der Theatersaal unter der Kuppel fasst 45 Besucher. Der Turm wird aus vorgefertigten 3D-gedruckten Elementen konstruiert, die insgesamt aus über 4000 Druckschichten bestehen. Jede Druckschicht hat eine Höhe von 5 Millimetern und eine Breite von 20 Millimetern.

Kein Schalen nötig, weniger Material

Der 3D-Druck reduziert den Materialverbrauch, benötigt keine Schalung mehr, ermöglicht modulare Strukturen und reduziert den Transportaufwand durch die Produktion vor Ort. Der Turm wird so konstruiert, dass ein Rückbau und Neuaufbau an anderem Ort vereinfacht wird. Der Zeitplan sieht vor, dass im Jahr 2022 der Bauplatz saniert wird und die Bauteile gedruckt und montiert werden. Im Jahr 2023 soll die feierliche Eröffnung erfolgen, im Jahr 2025 der Rückbau. Der Bau des Turmes bedingt ein Vorprüfungsverfahren durch die kantonalen Ämter, eine Bauzonenänderung mit öffentlicher Mitwirkung und eine Baugenehmigung, die bis Ende 2021 vorliegen soll. Die Baukosten sollen sich auf 3,5 Millionen Franken belaufen. Genutzt werden soll der Turm für Kunstevents und kulturelle Veranstaltungen.

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Susanna Vanek

Redaktorin

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