Warum BIM nicht tot ist: Die Handlungsempfehlung Data Dictionaries will die Datensilos im Schweizer Bau aufbrechen

BauTechTalk Folge 36 mit Thomas Glättli, Co-Geschäftsführer Bauen digital Schweiz, und Gasthost Adrian Wildenauer

Der Kalkulator öffnet die Ausschreibung. Ein neuer Bauherr, ein neues Objekt, und wieder ein anderer Datenkatalog. Elementkatalog nennt ihn der eine, Bauteilkatalog der andere, Datenfeldkatalog der dritte. Die SBB hat ihren eigenen, die Rhätische Bahn auch, mancher Kanton und manches Tiefbauamt ebenfalls. Also legt der Kalkulator wieder eine Tabelle an, mappt die Felder von Hand und hofft, dass beim nächsten Projekt nicht alles von vorne beginnt. Es beginnt von vorne. Diese Szene kennt jedes Bauunternehmen in der Schweiz. Und sie ist der Grund, warum auf vielen Baustellen ein Satz die Runde macht: BIM ist tot.

Mit genau dieser Provokation eröffnet Adrian Wildenauer die neue Folge von BauTechTalk. Er sitzt als Gasthost neben Mario Sülz, weil Moritz im Vaterschaftsurlaub ist. Gegenüber: Thomas Glättli, seit rund zehn Jahren Co-Geschäftsführer von Bauen digital Schweiz/buildingSMART Switzerland. Sein Verband zählt rund 450 Mitglieder und deckt den gesamten Lebenszyklus ab, von der Politik über die Bildung bis zu Planung, Bau, Betrieb und Rückbau. Am 15. September hat er die Handlungsempfehlung Data Dictionaries veröffentlicht. Warum braucht es das überhaupt?

Thomas antwortet ohne Umschweife. Die Branche arbeitet noch immer in Silos. Ein Data Dictionary, auf Deutsch Datenkatalog, schafft ein gemeinsames Verständnis über Daten und Datenstrukturen, damit Informationen durchgängig genutzt werden können. Den englischen Begriff wählt Bauen digital Schweiz bewusst, weil ein Katalog im Deutschen nach Liste klingt und international niemand versteht, was gemeint ist. Das Problem ist nicht, dass es keine Kataloge gäbe. Es gibt zu viele, und alle sehen ein bisschen anders aus. Bauherren haben eigene entwickelt, Unternehmen bauen neue. Die Empfehlung will sie harmonisieren, nicht ersetzen.

Dafür hat der Verband ein Maturitätskonzept in vier Stufen entwickelt. Stufe eins klingt banal und ist heute schon die grosse Hürde: alle arbeiten in der gleichen Struktur. Stufe zwei referenziert die Kataloge auf IFC, den offenen Austauschstandard für Bauwerksdaten. Stufe drei verknüpft die Kataloge miteinander, als Linked Data. Stufe vier wäre die eigentliche Standardisierung, auf die sich der Markt hundertprozentig verlassen kann. Thomas betont dabei einen Punkt, der für Bauunternehmen entscheidend ist: Es geht nicht um ein einziges Data Dictionary für die ganze Schweiz. Es geht um Data Dictionaries, in der Mehrzahl. Jeder Akteur darf seinen eigenen Katalog führen. Wert entsteht erst, wenn die Kataloge miteinander sprechen. Ein Data Dictionary für sich allein ist wie ein Telefon ohne Netz.

Adrian hakt nach, und er stellt die Frage, die sich jeder Unternehmer stellt: Warum sollte eine Firma in einen gemeinsamen Datenstandard investieren, wenn ihr Interesse am Ende der Leistungsphase endet? Thomas antwortet mit dem Lebenszyklus. Zirkularität wird zum grossen Thema, digitale Produktpässe kommen, und die Daten müssen nicht nur in der Schweiz, sondern international anschlussfähig sein. Wer heute Informationen erzeugt, muss sie in fünfzig Jahren wiederfinden können. Das verlangt eine übergeordnete Organisation, die das Ganze orchestriert und dem Markt zeigt, wie die Schweiz organisiert ist.

Und hier trifft das Gespräch den Nerv. Adrian war am Event vom 15. September dabei und fand zu viel Konjunktiv in den Voten der Verbände: man sollte, man müsste, man könnte. Mario legt nach. Die Unternehmerseite wartet seit zehn oder fünfzehn Jahren auf einen Standard. Jeder Baumeister hat sich längst einen eigenen gebaut, passt ihn für jedes Objekt wieder an, und daneben läuft die Excel-Liste vom Herrn Schmidt. Das Vertrauen der Mitglieder ist geschwunden. Thomas widerspricht nicht. Er benennt das Problem selbst.

«Das ist meiner Meinung nach das, was momentan noch fehlt im Markt: das Vertrauen, dass wir gemeinsam das Richtige tun, dass wir in einer gewissen Zeit das Ganze umsetzen können und dass die Investitionen, die die Unternehmen tätigen, auch gesichert sind und nicht einfach etwas entsteht und nach einem Jahr schmeisst man das wieder weg.»

Wer diesen Satz vom Mitautor der Empfehlung hört, versteht, worum es diesmal geht. Nicht um ein weiteres Papier, sondern um Governance. Die Branche hat sich im Netzwerk Digital geeinigt, das Thema gemeinsam voranzutreiben. Eine Initialphase mit allen relevanten Stakeholdern startet, die Zielorganisation wird in den nächsten Wochen definiert. Thomas nennt es eine einmalige Chance und warnt zugleich davor, das Momentum zu verspielen: nicht wieder ein halbes Jahr nichts tun. Adrian formuliert es schärfer. Der Markt wartet nicht ewig.

Historisch betrachtet ist die Schweizer Bauwirtschaft Standards gewohnt. Der NPK, der Baukostenplan, die SIA-Normen: Alle entstanden, weil eine Branche irgendwann beschloss, dieselbe Sprache zu sprechen. Was bei Leistungspositionen und Kostengliederungen funktioniert hat, steht bei Bauwerksdaten noch aus. Die Handlungsempfehlung ist der Versuch, diesen Schritt nachzuholen, bevor die nächste Technologiewelle die Lücke vergrössert.

Denn diese Welle rollt bereits. Mario bringt sein Lieblingsthema ins Spiel: künstliche Intelligenz. Thomas sieht das Data Dictionary als Fundament dafür. Wer am Ende des Tages unterschreibt und sagt, ich stehe dahinter, muss wissen, auf welchem Fundament die KI gearbeitet hat. Je schneller gute Data Dictionaries verfügbar sind und gezielt genutzt werden, desto besser werden die Ergebnisse. Das Versprechen von BIM, mehr Effizienz, höhere Qualität, Automatisierung, hat sich noch nicht erfüllt, weil die Silos es verhindert haben. KI ohne strukturierte Daten wiederholt denselben Fehler, nur schneller.

Was heisst das konkret für Bauunternehmen? Thomas rät nicht zum Abwarten, aber auch nicht zum Alleingang. Die Koordination soll rasch kommunizieren, welche Projekte laufen, wo man sich melden kann und wie man sich beteiligt, ob im Kernteam, im Reviewteam oder als informierter Beobachter. Schulungen sollen zeigen, wie ein Data Dictionary aufgebaut wird, damit niemand bei null beginnt. Der SBV ist mit CRB und Bauen digital Schweiz bereits an einem Prototypen dran, über den die Hosts in einer späteren Folge berichten werden. Und noch ein Punkt, den viele unterschätzen: Data Governance. Was einmal in einem Data Dictionary steht, darf nicht gelöscht werden, sondern wechselt den Status und bleibt auffindbar, theoretisch fünfzig Jahre lang. Das bedeutet Aufwand. Die Kataloge sollen nach FAIR-Prinzipien zugänglich sein, was laut Thomas nicht kostenlos heisst, aber fair und für jeden Nutzer erreichbar.

Auf die Frage nach dem Zeithorizont greift Thomas zur Kristallkugel und gibt sie gleich wieder zurück. Ein Enddatum gibt es nicht, weil immer Neues dazukommt. Wichtig sei, dass in einer Struktur gearbeitet wird, die sich weiterentwickeln kann, und dass die Branche die grössten Hebel zuerst anpackt, das Baubewilligungsverfahren etwa. Kleine Schritte, aber stetig, mit schnellen und relevanten Ergebnissen. Adrian fasst es trocken zusammen: vor der Pensionierung der beiden wird es Resultate geben. Mario muss noch etwas länger warten.

Für Baumeister lautet das Fazit dieser Folge: Die Handlungsempfehlung Data Dictionaries ist kein weiterer Katalog, sondern der Bauplan dafür, wie die bestehenden Kataloge zusammenfinden. Sie nimmt den Unternehmen nicht die Freiheit, eigene Strukturen zu führen, sondern gibt ihnen die Sicherheit, dass diese Strukturen in ein paar Jahren noch anschlussfähig sind. Wer jetzt einsteigt, prägt mit, was später Standard wird. Wer wartet, mappt weiter von Hand. Die Handlungsempfehlung ist auf der Webseite von Bauen digital Schweiz unter Publikationen / Data Dictionaries verfügbar. Mitglied werden kann jede Firma und jede Privatperson. Beide Links stehen in den Shownotes.

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