Warum die Schweiz Wohnungsabbrüche braucht

Die Daten aus den Schweizer Gemeinden zeigen, dass ein moderater Wohnungsabbruch wesentlich zur Verdichtung und zur Schaffung zusätzlichen Wohnraums beiträgt.

Abbruch von Wohnungen ist die Ausnahme, nicht die Regel

Die Grafik zeigt die Abbrüche von Wohnungen in allen Schweizer Gemeinden zwischen 2021 und 2024. Auffällig ist vor allem, wie selten Abbrüche tatsächlich sind. Fast jede fünfte Gemeinde hat zwischen 2021 und 2024 keine einzige Wohnung abgerissen. Auch dort, wo Abbrüche stattfinden, bleibt ihr Anteil am gesamten Wohnungsbestand meist sehr klein. Die höchsten Abbruchquoten konzentrieren sich auf wenige Wachstumsregionen und wirtschaftlich dynamische Zentren.

Für die Bauwirtschaft ist dies eine wichtige Erkenntnis. In der öffentlichen Debatte entsteht oft der Eindruck, dass ältere Wohngebäude massenhaft verschwinden. Die Daten zeigen jedoch das Gegenteil: Der Abbruch bestehender Wohnungen ist ein vergleichsweise seltenes Ereignis. Die grosse Mehrheit der Gebäude bleibt über Jahrzehnte bestehen. Wo dennoch abgebrochen wird, geschieht dies meist gezielt und im Zusammenhang mit einer umfassenden Erneuerung des Bestands.

Gerade in den Wachstumszentren ist ein moderater Wohnungsabbruch notwendig. Viele Gebäude entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen bezüglich Wohnfläche, Energieeffizienz, Barrierefreiheit oder Grundrissqualität. Ohne die Möglichkeit, einzelne veraltete Bauten zu ersetzen, lässt sich das Wohnungsangebot kaum an die Bedürfnisse einer wachsenden und sich verändernden Bevölkerung anpassen. Die Grafik verdeutlicht deshalb, dass Abbruch kein flächendeckendes Phänomen ist, sondern ein gezieltes Instrument der Erneuerung und Innenentwicklung.

Abbrüche reduzieren den Wohnungsbestand nicht

Die zweite Grafik zeigt das Verhältnis zwischen neu geschaffenen und abgebrochenen Wohnungen in den Schweizer Gemeinden. Das zentrale Ergebnis ist eindeutig: Selbst dort, wo Wohnungen abgebrochen werden, entstehen in aller Regel deutlich mehr neue Wohnungen als verloren gehen. In den meisten Gemeinden werden für jede abgebrochene Wohnung mehrere neue Wohnungen erstellt.

Damit widerlegt die Grafik die häufig geäusserte Befürchtung, Abbrüche würden das Wohnungsangebot nicht erhöhen oder sogar verkleinern. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Zwischen 2020 und 2024 ist der Wohnungsbestand in 99 Prozent aller Gemeinden gewachsen. Sogar unter den Gemeinden mit den höchsten Abbruchquoten nahm die Zahl der Wohnungen fast überall weiter zu.

Für Bauunternehmen unterstreicht dies die Bedeutung von Ersatzneubauten. Der Abbruch eines bestehenden Gebäudes markiert meist nicht das Ende von Wohnraum, sondern den Beginn einer intensiveren Nutzung des Grundstücks. Anstelle älterer Gebäude mit wenigen Wohnungen entstehen moderne Überbauungen mit deutlich mehr Wohneinheiten. Dadurch können zusätzliche Wohnungen geschaffen werden, ohne neue Baugebiete auszuscheiden. Der Wohnungsabbruch wird so zu einem wichtigen Baustein für die Bereitstellung von Wohnraum in nachfragestarken Regionen.

Abgebrochen werden vor allem alte Gebäude

Die Altersstruktur der abgebrochenen Wohngebäude zeigt, dass die meisten Abbrüche Gebäude betreffen, die mehrere Jahrzehnte alt sind. Besonders häufig werden Bauten im Alter von 60 bis 80 Jahren ersetzt. Auch Gebäude mit einem Alter von über 100 Jahren machen einen bedeutenden Anteil aus. Sehr junge Gebäude werden dagegen nur selten abgerissen.

Die Grafik macht deutlich, dass Wohnungsabbrüche in erster Linie Teil eines langfristigen Erneuerungsprozesses des Gebäudeparks sind. Viele der betroffenen Bauten stammen aus einer Zeit, in der andere Anforderungen an Wohnqualität, Energieverbrauch und Bauweise galten. Häufig verfügen sie über kleine Wohnungen, eine geringe Energieeffizienz oder bauliche Einschränkungen, die sich nur mit grossem Aufwand beheben lassen.

Für die Bauwirtschaft eröffnet diese Entwicklung grosse Chancen. Der Ersatz älterer Gebäude ermöglicht nicht nur die Schaffung zusätzlicher Wohnungen, sondern auch erhebliche Verbesserungen bei Nachhaltigkeit und Wohnkomfort. Moderne Gebäude verbrauchen weniger Energie, bieten zeitgemässe Grundrisse und erfüllen aktuelle technische Standards. Die Grafik zeigt daher, dass Abbruch meist kein Verlust funktionierender Bausubstanz ist, sondern ein notwendiger Schritt zur Modernisierung des Schweizer Wohnungsbestands.

Abbruch fördert die Verdichtung

Die vierte Grafik untersucht den Zusammenhang zwischen Abbruchquote und Verdichtungseffizienz. Gemeinden mit höheren Abbruchquoten schaffen pro Hektar beanspruchter Bauzonenreserve deutlich mehr neue Wohnungen als Gemeinden mit wenigen Abbrüchen. Während Gemeinden im untersten Quintil lediglich rund 31 neue Wohnungen pro Hektar erzeugen, liegt der Wert in den oberen Quintilen bei über 50 Wohnungen.

Die Grafik zeigt damit, dass ein moderater Wohnungsabbruch einen wichtigen Beitrag zur effizienten Nutzung von Bauland leisten kann. Zwar führt eine höhere Abbruchquote nicht automatisch zu einem geringeren Verbrauch von Baulandreserven. Sie geht aber mit einer deutlich intensiveren Nutzung des bereits beanspruchten Bodens einher. Wo ältere Gebäude ersetzt werden, entstehen häufig dichtere und effizientere Wohnformen.

Für Bauunternehmen ist dies eine zentrale Botschaft. Die Innenentwicklung der Schweiz wird künftig immer wichtiger, weil neue Bauzonen nur begrenzt verfügbar sind. Ersatzneubauten ermöglichen es, auf bestehenden Grundstücken mehr Wohnraum bereitzustellen und gleichzeitig die Ausdehnung der Siedlungsflächen zu begrenzen. Die Grafik zeigt deshalb, dass Abbruch und Verdichtung keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Ein massvoller Ersatz alter Gebäude ist ein wesentlicher Treiber einer flächensparenden und zukunftsfähigen Siedlungsentwicklung.

Über den Autor

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Luiza Maria Maniera

lmaniera@baumeister.ch

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