Welche Perspektiven bestehen für die Baumaterialversorgung in der Schweiz im 2050?

Während die Bevölkerung wächst und bereits heute nicht genügend Wohnraum gebaut wird, scheint die Versorgungssicherheit in den kommenden Jahrzehnten immer fragiler zu werden.

Während die Bevölkerung wächst und bereits heute nicht genügend Wohnraum gebaut wird, scheint die Versorgungssicherheit in den kommenden Jahrzehnten immer fragiler zu werden.

Die Versorgung mit Baumaterialien ist in der Schweiz langfristig nicht gesichert. Die Lage wird sich in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich noch verschärfen, weil die Nachfrage nach Primär- und Sekundärmaterial vermutlich steigt, das Angebot jedoch stagniert oder gar sinkt.

Zum Bauen verwendet die Schweiz etwa die Rohstoffe Sand, Kies, Kalkstein und Mergel, die Bestandteile von Zement, Beton oder Backstein. Heutzutage werden diese Rohstoffe an mehreren Orten im Land abgebaut und verarbeitet. Die Abbaugebiete könnten aber in den nächsten Jahren zuneige gehen oder ihre Bewilligung auslaufen. Woher sollen dann aber die benötigen Rohstoffe kommen, damit die Schweiz noch bauen kann? Was neue Abbaugebiete betrifft, so dauert es ein bis zwei Jahrzehnte, bis eine Genehmigung für Abbaugebiete erteilt und der Rechtsweg mit Gerichten und Volksabstimmung abgeschlossen ist.

Tatsächlich dauert das Verfahren für die Bewilligung oder Verlängerung einer Konzession leicht 15 Jahre. Darüber hinaus sind sie Genehmigungsverfahren mit zahlreichen Beschwerden und rechtlichen Unsicherheiten konfrontiert. Privatpersonen und Umweltorganisationen reichen Klage ein und ziehen sie bis an die höchsten Gerichtsinstanzen. Oft hat die Bevölkerung der betroffenen Gemeinde mittels Volksabstimmung das letzte Wort. Daher müssen bereits heute Massnahmen ergriffen werden, damit die Versorgung im Inland mit genügend Baumaterial auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren gewährleistet bleibt.

Das Grundproblem: Die Material-Versorgungssicherheit spielt bei Bund und Kantonen eine untergeordnete Rolle. Es existiert keine landesweite Strategie. Dies hat zur Folge, dass die kantonale Raumplanung der Standorte oft lückenhaft ist, sich auf einen kurzen Zeithorizont beschränkt und die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen sehr begrenzt ist.

Perspektive der Nachfrage im Jahr 2050

Die folgende Grafik vergleicht den aktuellen und den voraussichtlichen Bedarf 2050 an Zement, Stahl und Fels (basierend auf denselben Prognosen wie der Artikel «Nachfrage nach Baumaterialien: Stand und Ausblick»). Die roten Balken illustrieren das Defizit. Dieses Defizit könnte zum einen durch effizienteres Bauen (weniger Verschwendung, tiefere Dichte in Baustoffen und geringere Mengen an verwendeten Materialien) reduziert werden. Ausserdem könnte das Angebot durch Massnahmen der Kreislaufwirtschaft (Recycling, Wiederverwendung) erhöht werden. Es ist jedoch absehbar, dass diese Massnahmen allein nicht ausreichen, um die Nachfrage nach Baumaterialien zu befriedigen.

Die lila Balken zeigen den Bedarf an Baumaterialien in der Schweiz im Jahr 2050. In Gelb ist das voraussichtliche Angebot im Inland dargestellt. Die roten Balken zeigen den maximalen potenziellen Mangel an Baumaterialien.

Zement ist ein wichtiger Bestandteil von Beton, derzeit werden durchschnittlich 4 Mio. Tonnen davon pro Jahr produziert. Dieses Angebot kann sich bestenfalls bis 2050 halten. Jedoch droht bereits der Auslauf der Konzessionen für ein Abbaugebiet in den nächsten Jahren. Schliesst eines der sechs Zementwerke, würden rund 15 Prozent der nationalen Produktion wegfallen. Gleichzeitig erwarten wir eine Zunahme des Bedarfs auf über 1 300 000 Tonnen. Die Lücke in der Versorgung beträgt damit über 30 Prozent.

Die Schweiz stellt derzeit 85 Prozent ihres Bedarfs mit ihrer Zementproduktion im Inland selbst sicher, der Rest wird importiert. Falls sich die inländische Produktion halten kann, sinkt der Eigenanteil aufgrund des steigenden Bedarfs auf 70 Prozent. Falls ein Zementwerk schliesst, würde die Schweizer Zementautonomie sogar noch weiter auf 60 Prozent sinken.

Wenn keine Massnahmen ergriffen werden, wird die Versorgungsautonomie der Schweiz sinken. Dies könnte zum Nachteil unserer Unternehmen die Preise steigen lassen, die Abhängigkeit von Importen erhöhen und das Risiko von Zöllen und anderen Handelsbeschränkungen steigern. Zudem sehen sich auch die Nachbarländer der Schweiz zunehmend mit ähnlichen Restriktionen bei Abbaugebieten konfrontiert. Der Import aus dem Ausland wäre für die Schweiz damit eingeschränkter und eine unsichere, teurere Option als heutzutage.

Angesichts des internationalen Kontexts ist es für die Schweiz von entscheidender Bedeutung, die Versorgungssicherheit mit Baumaterialen primär durch die Produktion im Inland zu gewährleisten. Das grenznahe Ausland sollte aber mit einbezogen werden, um das Potential für die Versorgungssicherheit zu erhöhen und um einen Anreiz für inländische Produzenten, die Preise tief zu halten, zu setzen. Aus ökologischer Sicht ist die Ver- und Entsorgung im Inland von grosser Bedeutung, da dadurch Transporte über lange Distanzen vermieden werden können.

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