Wenn am Flughafen die Kräne nie stillstehen: Warum Digitalisierung im Bau eine Vertrauensfrage ist.

Ein Dienstagmorgen am Flughafen Zürich. Passagiere rollen ihre Koffer Richtung Check-in, irgendwo hebt ein Flieger ab, irgendwo landet einer. Und über allem drehen sich Kräne. Wer in den letzten zwanzig Jahren hier geflogen ist, hat den Flughafen wahrscheinlich noch nie ohne Baustelle gesehen. Eine Millionen Franken verbaut der Flughafen pro Tag. Pro Tag. Während nebenan der Betrieb läuft, als wäre nichts.

Genau in dieser Kulisse treffen Moritz und Mario in Folge 31 von BauTechTalk auf Roman Wildenauer. Sein Titel klingt sperrig: Hean Digital Real Estate. Seine Aufgabe ist einfacher zu beschreiben als zu lösen. Er verantwortet die Digitalisierung im Bereich Real Estate am Flughafen Zürich, inklusive modellbasiertem Bauen. Und er ist nicht das, was man in der Branche erwartet. Roman hat ursprünglich Koch gelernt, danach Jahrzehnte in der Hotellerie und Luftfahrt digitalisiert, bevor ihn jemand fragte, ob er seine Aussensicht nicht in die Baubranche bringen möchte.

Der Schock eines Branchenwechslers

Romans Einstieg in den Bau war, wie er selbst sagt, ein heftiger. In der Hotellerie hat man sich Ende der neunziger Jahre zusammengeschlossen. Die sieben grössten Welthotelketten, darunter Hilton, Accor und Kempinski, gründeten mit den fünf grössten Tech-Anbietern eine Standardisierungsinitiative namens Hotel Technology Next Generation. Der Grund: Niemand hatte mehr Lust, jede Schnittstelle einzeln zu bezahlen. Vor dem Jahr 2000.

Heute, 2026, diskutiert die Baubranche immer noch über die richtige Interpretation von BIM. Den IFC-Standard gibt es zwar, aber wie damit gearbeitet wird, bleibt Auslegungssache. Roman formuliert es direkt:

«Man verdiene in der Branche einfach immer noch zu viel Geld, um sich diese Rückständigkeit leisten zu können. In margensensiblen Branchen wie der Hotellerie oder Luftfahrt wäre das undenkbar. Dort wäre man schlicht pleite.»

Obacht: Das ist keine bequeme Diagnose, aber eine ehrliche. Und sie trifft einen Nerv. Denn während jeder Hochbauer und Tiefbauer für sich proklamiert, man sei total anders, zahlen am Ende alle dieselbe Rechnung. Jede neue Projektkonstellation bringt andere TGA-Planer, andere Geometer, andere Tools. Jedes Mal muss neu kalibriert werden, wie man miteinander arbeitet. Wasted Money, wie Roman es nennt.

Warum BIM tot ist und trotzdem lebt

Am Flughafen Zürich wird modellbasiert gebaut. Punkt. Die neue, im Februar freigegebene Strategie dreht die Frage um. Nicht mehr: Wann bauen wir mit BIM? Sondern: Haben wir einen Grund, es nicht zu tun? Der Begriff BIM selbst sei verbrannt, sagt Roman. Ähnlich wie heute KI, wo jeder mitredet, der eigentlich wenig Ahnung hat. Aber die Methodik dahinter bleibt. Im Bestand bauen, im laufenden Betrieb, bei einem Dock, das nebenan weiterhin hunderttausende Passagiere abfertigt, wäre mit Papierplänen schlicht unmöglich.

Doch die Technik ist nicht das eigentliche Problem. Bei der ersten BIM-Tagung in Berlin blieb Roman ein Satz hängen. Ein Unternehmer kurz vor sechzig fragte in der Feedbackrunde:

«Ja, wenn alle meine Daten haben, wie stelle ich denn das sicher, dass er meine Rechnung bezahlt?»

Dieser Satz ist der gedankliche Kern der Folge. Wissen ist Macht. Daten sind Macht. Und Macht gibt man in dieser Branche nur ungern her. Dabei liegt genau hier der Hebel. Wer kollaborativ arbeitet, erkennt Fehler früh. Mal zu meinem Vorteil, mal zu deinem. Am Schluss gewinnt die ganze Wertschöpfungskette. Und nebenbei auch die Nachhaltigkeit, denn weniger Nachbestellen, weniger Kernbohrungen, weniger Abbruch bedeuten weniger verbaute graue Energie.

Kultur frisst Strategie zum Frühstück

Roman hat am Flughafen das Programm BIM@FZAG initiiert, denn bis dahin waren Aviation, also Tiefbau, und Real Estate, also Hochbau, unabhängig voneinander unterwegs. Sein Vorgehen ist lehrbuchmässig und doch erfrischend pragmatisch. Zuerst das Management an Bord holen, denn wer Widerstand kennt, weiss, dass Betroffene dorthin gehen, wo sie Gehör finden. Dann die Fachleute aus der Fläche in Workshops einbeziehen, damit aus Betroffenen Beteiligte werden. Fachthemen und strategische Themen in getrennten Gremien diskutieren, sonst findet man nie einen Konsens.

Das Resultat ist ein zartes Pflänzli. Drei Schritte vor, einer zurück. Vertrauen wächst langsam und zerfällt schnell, besonders wenn neue Personen ins System kommen. Roman sieht sich dabei als Servant Leader, der dem System dient. Mal vermittelt er, mal eskaliert er, mal spricht er ein Machtwort, mal pausiert er ein Projekt. Transformation sei wie eine Beziehung, sagt er. Harte Arbeit, nichts kommt von nichts.

Interessant ist, wie er mit Partnern umgeht. Im neuen Projekt T58 wird bereits nach der aktualisierten Logik gearbeitet. Statt vorzuschreiben, wie ein Planer BIM zu machen hat, definiert der Flughafen nur noch, was als Lieferergebnis erwartet wird. Output-basiert. Denn jedes Unternehmen hat eigene Tools, eigene Prozesse, eigene Kulturen. Wer diese überschreibt, bekommt schlechte Qualität, nicht weil es die Partner nicht könnten, sondern weil es ihrem Tagesgeschäft widerspricht.

Die unbequeme Wahrheit über Standards

Die Diskussion nimmt nochmal Fahrt auf, als es um den CRB geht. Kalkuliert wird in der Branche immer noch in Excel, nicht integral im Modell. Normen wie die von der SIA gibt es nur als PDF oder in gedruckter Form. Keine API, keine maschinenlesbare Schnittstelle. Wer heute automatisiert gegen Normen prüfen will, muss über Umwege mit KI aus PDFs auslesen, was längst als strukturierter Datenstrom zur Verfügung stehen könnte. Der neue EU-Produktepass wird das Thema in den nächsten Jahren verschärfen. Wer bis dahin keine durchgängigen Daten hat, verliert Zeit und Geld.

Romans Wunsch an die Branche ist klar. Mehr schauen, was man gemeinsam hat, weniger, was einen trennt. Denn gegeneinander entstehen nur neue Schnittstellen. Und neue Schnittstellen kosten. Immer.

Fazit: Daten, Prozesse, Kultur und dann erst Tools

Wer diese Folge zu Ende hört, nimmt einen simplen, aber unbequemen Gedanken mit. Digitalisierung ist keine Tool-Frage. Sie ist eine Daten-, Prozess- und Kulturfrage, in genau dieser Reihenfolge. Die Technologie kommt zuletzt. Wer zuerst fragt «Welches Tool brauche ich?», hat die Transformation schon verloren. Wer zuerst fragt «Welches Problem löse ich, mit welchen Daten, über welchen Prozess?», hat eine Chance.

Der Flughafen Zürich ist dafür ein Reallabor im Grossformat. Hoch und Tiefbau unter einem Dach, Bauen im Vollbetrieb, ein Dock das 2032 aufgehen soll. Wenn Digitalisierung hier funktioniert, funktioniert sie überall. Und wenn nicht, wissen wir wenigstens, woran es gelegen hat. Am Menschen, nicht an der Maschine.

Die ganze Folge mit Roman gibt es jetzt auf Spotify, YouTube und überall, wo es Podcasts gibt. Moritz und Mario freuen sich, wenn ihr reinhört, BauTechTalk abonniert und die Folge weiterempfehlt.

 

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