Niemand hat Erfahrung. Und Niemand gibt es zu. Künstliche Intelligenz Bautalk

Wenn der Baumeister plötzlich über Kultur reden muss

Warum die Digitalisierung im Bau nicht an Technologie scheitert, sondern an uns selbst

Stell dir folgende Szene vor: Ein Bauleiter steht morgens um halb sieben auf der Baustelle. Sein Telefon vibriert. WhatsApp-Nachrichten vom Polier. Eine Excel-Liste mit Mängeln, die seit drei Wochen niemand aktualisiert hat. Irgendwo in einer Cloud liegt ein BIM-Modell, das niemand öffnet. Und auf dem Schreibtisch des Geschäftsführers, zwanzig Kilometer entfernt, prangt eine Broschüre: «KI in der Bauwirtschaft. Jetzt durchstarten.»

Zwei Welten. Ein Graben dazwischen. Und genau in diesem Graben bewegt sich Laurin Bertozzi seit zehn Jahren.

Laurin ist COO bei sieber&partners, einem Beratungsunternehmen für digitale Transformation mit bald 26 Jahren Firmengeschichte. «Laurin, das Klischee über Berater ist ja oft, dass sie viel reden, viel kosten vor allem. Am Schluss nicht wirklich bauen, ausser vielleicht ein paar PowerPoint-Slides. Was sagst du dazu?» So direkt konfrontiert Mario seinen Gast in der neusten Folge des BauTechTalk. Laurin kennt das Klischee. Und er versteht es sogar. Die Baubranche ist pragmatisch. Was zählt, steht am Ende auf der Baustelle, lässt sich anlangen, wiegen, messen.

Die Wahrheit, die er im Gespräch mit den Hosts Moritz und Mario entfaltet, ist unbequemer. Denn ja, sieber&partners baut nichts aus Beton und Backstein. Aber sie bauen etwas, das mindestens so tragfähig sein muss: Strukturen, die Wirkung haben in der Organisation.

Im System gefangen

Die Baubranche arbeitet brutal effizient im System. Vom Morgen bis am Abend wird gelöscht, repariert, improvisiert. Irgendeinen Brand hast du immer. Das funktioniert. Aber genau diese Stärke wird zum Problem, wenn sich die Welt verändert.

Denn fast niemand nimmt sich die Zeit, am System zu arbeiten. Sich zu fragen: Warum haben wir in jedem Projekt dieselben Reibungen? Warum sammeln wir tonnenweise Daten und entscheiden aus dem Bauch? Warum fliegen Informationen zwischen Excel-Listen und WhatsApp-Chats hin und her?

Die reflexartige Antwort lautet seit Jahren: Technologie. Ein neues ERP. Ein BIM-Tool. Jetzt halt KI. Man stülpt die Lösung der bestehenden Organisation über. Das Ergebnis? Mehr Tools, mehr Logins, mehr Frust.

Laurin setzt deshalb woanders an: Zuerst sensibilisieren, wo wirklich Mehrwert steckt. Dann befähigen, damit die Leute sich überhaupt Zeit rausschnitzen können, um aus dem System rauszutreten. Und erst dann transformieren, gemeinsam mit dem Kunden in die Strukturen eingreifen.

Das Tal der Tränen heisst BIM

BIM war der grosse Heilsbringer. Mario spricht es offen an: BIM wurde extrem verbrannt, auch von unseriösen Beraterfirmen, die eigentlich nur Software verkauft haben. Laurin beschreibt es nüchtern: Wir stecken im Tal der Tränen. Viele Firmen haben BIM gemacht, um BIM gemacht zu haben. Fokus auf 3D, obwohl das laut Laurin der uninteressanteste Teil ist. Die eigentliche Frage lautete nie: Haben wir ein Modell? Sondern: Wo entsteht echter Mehrwert?

Statt diese Frage zu beantworten, gab es Pilotprojekte. Eines nach dem anderen. Aber Pilotprojekte allein verändern keine Organisation. Moritz bestätigt: Wenn die Führung nicht dahintersteht, wird es schwierig, das nach unten zu kriegen. Das muss von der Führungscrew kommen. Auch dort ist es nicht gratis.

KI: Alle reden drüber, niemand weiss, wofür

Bei KI wiederholt sich das Muster. Alle wollen es. Mario erinnert an die LinkedIn-Comics: «Wir wollen KI!» Für was? «Wir wissen es nicht. Wir wollen trotzdem KI.» Moritz fragt direkt: Überspringen wir den wichtigsten Schritt, von Excel direkt zu KI? Laurin bringt es auf den Punkt: 

«Heute reden Leute so über KI, wie wenn Teenager sich über Sex unterhalten. Alle haben das Gefühl, der andere hat es schon, der andere passt schon. Und dabei stehen eigentlich alle am gleichen Punkt. Niemand hat Erfahrung, und niemand will aber zugeben, dass er eigentlich keine Ahnung hat.» 

Laurin Bertozzi
sieber&partners

Heftig, aber wahr. Sobald die Frage nach dem konkreten Anwendungsfall kommt, wird es still im Raum. KI ohne klaren Use Case ist wie eine Baumaschine ohne Baustelle: teuer, laut, nutzlos. 

Laurin unterscheidet drei Business Cases: Produktivitätsgewinn, echter ROI durch höhere Preise oder tiefere Kosten, und die Wette auf die Zukunft. Moritz hakt ein: Effizienzgewinn und finanzieller Mehrwert werden ständig gleichgesetzt, sind aber nicht dasselbe. Ein feiner, entscheidender Unterschied.

Mario liefert ein konkretes Beispiel: Caterpillar nutzt IoT-Daten aus Baumaschinen, um den Service punktgenau zu planen. Fünfzig Prozent weniger Ausfälle. Nicht weil die Maschinen besser sind, sondern weil man endlich die Daten nutzt, die sowieso anfallen.

Agenten: genial und gefährlich

Claude Cowork, Perplexity, Computer Use. Mario ist begeistert: ein Agent, der fünfzehn Subagenten startet und alles auf deinem Rechner erledigt. Laurin sagt klar: Die Zukunft gehört den Agentensystemen. Aber nach Gartner stehen wir zuoberst auf dem Hype. Die Systeme nehmen schnell Komplexität an, Agenten beeinflussen sich gegenseitig, und plötzlich passieren Dinge, die niemand vorhergesehen hat.

Obacht. Wer einem System Adminrechte gibt, bekommt einen fleissigen Helfer, der aber auch Zugang zu allem hat. Fehleridentifizierung? Fast unmöglich. Experten prognostizieren bis 2030 zwanzig Prozent der Wertschöpfung über autonome Systeme. Laurin relativiert: Bei uns vielleicht 2035 oder zehn Prozent. Aber der Impact wäre massiv. Und bevor wir automatisieren, müssen wir unsere Geschäftsprozesse überhaupt erst kennen.

Kultur frisst Technologie zum Frühstück

Laurin grösste Erkenntnis nach zehn Jahren: Die Herausforderung sind nicht die Tools, sondern die Menschen. Wenn er in ein neues Unternehmen kommt, spürt er zuerst heraus, wie tief die Veränderungsbereitschaft wirklich geht. Digitalisieren, transformieren, KI einsetzen, das ist schnell gesagt und klingt cool. Aber wie tief geht die Bereitschaft?

Er nutzt eine simple Skala: «Ich bewege mich nur, wenn ich muss» bis «Ich will First Mover sein». Wenn die Geschäftsleitung dabei meilenweit auseinanderliegt, muss man die Differenz klären, bevor irgendein Tool zum Einsatz kommt. Die Sportanalogie im BauTechTalk sitzt: Was willst du trainieren, ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Was ist konkret realistisch, langfristig?

Am schwierigsten sind Situationen, wo Leute sagen, sie wollen sich bewegen, und dann bleibt es beim Lippenbekenntnis. Transformation funktioniert nur miteinander. Sonst bleibt nichts hängen.

Schatten-KI und der Zwanzig-Dollar-Chatbot

Während Geschäftsleitungen diskutieren, handelt die Belegschaft längst auf eigene Faust. Mario liefert ein Beispiel: Die Berner Fachhochschule dokumentierte, wie eine ganze Firma einen einzigen ChatGPT-Account für zwanzig Dollar teilte. Jeder konnte mitlesen. Laurin kennt ähnliche Auswüchse: Firmen mit Governance auf dem Papier, aber CVs und heikle Daten landen trotzdem in externen Systemen.

Erster sinnvoller Schritt: eine eigene, datenschutzkonforme KI-Umgebung bereitstellen, etwa über Microsoft Copilot. Aber die Einführung eines KI-Systems ist im Change Management intensiver als jede ERP-Einführung. Kompetenzen, Leitplanken, Kulturentwicklung. Da reicht es nicht, Logins zu verschicken. Und die Modelle entwickeln sich laufend weiter. Was heute gilt, kann in drei Monaten überholt sein.

Mario erwähnt eine deutsche Studie: 82 bis 85 Prozent der Firmen fehlt das interne Know-how für Digitalisierung. In der Schweiz sieht es laut Laurin ähnlich aus. Einer der ersten Schritte seines Teams: die Organisation aufmunitionieren. Leute befähigen, die auf GL-Niveau über Business-Value von Technologie reden können. Nicht in Lizenzdiskussionen abtauchen, sondern über Wertschöpfung sprechen.

Geil wäre, wenn wir endlich starten

Laurin‘s Fazit: Momentan überschätzen wir die technologischen Möglichkeiten und unterschätzen die kulturellen und organisatorischen Kosten. Die goldene Mitte finden, darum geht es. Man muss nicht perfekt starten. Man muss nur starten. Erfahrungen sammeln. Ehrlich reflektieren. Und aufhören, so zu tun, als hätte man schon alles im Griff.

Wer den nächsten Schritt machen will: Moritz, Mario und Laurin bieten gemeinsam KI-Workshops an, massgeschneidert für Bauunternehmen. Für Mitglieder des SBV gibt es die gewohnt günstigeren Konditionen. Alle Informationen in den Shownotes und auf der Webseite.

Denn eines zeigt die Geschichte der Digitalisierung im Bau: Nicht die Technologie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Sondern die Frage, ob wir bereit sind, am System zu arbeiten statt nur im System.

Das ganze Gespräch gibt es in Folge 29 des BauTechTalk. Reinhören lohnt sich. Jetzt reinklicken, abonnieren und weitersagen.

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