Wenn die Innovation aus dem Tunnel kommt Montag, 22.6.2026 | 06:00 ... Schweizerischer Baumeisterverband Baumeister 5.0 Digitalisierung Wenn die Innovation aus dem Tunnel kommt BauTechTalk Folge 32 mit Karel van Eechoud Tief unter dem Semmering, irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark, kämpft sich ein Tunnelbauteam durch instabiles Gestein. Eine sogenannte Störzone. Hier, wo das Gebirge bröckelt statt bricht, kommen klassischerweise massive Stahlelemente zum Einsatz, schwer, teuer, logistisch heftig. Ein junger Bauleiter namens Manuel steht im Vortrieb, schaut auf die Stahlteile und denkt: Das muss auch anders gehen. Ein paar Jahre später ist genau dieses anders gehen patentiert, getestet, eingebaut, und zwar nicht nur am Semmering, sondern auch im Brenner-Basistunnel. Hochfestes Polystyrol statt Stahl. Skalierbar. Aus einer Idee im Tagesgeschäft. Diese Geschichte ist mehr als nur eine technische Anekdote. Sie ist der Beweis dafür, dass Innovation im Bau nicht aus dem Kristallkugelblick in die Zukunft entsteht, sondern aus dem ehrlichen Blick auf das, was vor einem liegt. Und genau darüber sprechen Moritz und Mario in Folge 32 vom BauTechTalk mit ihrem Gast: Karel van Eechoud, ursprünglich aus den Niederlanden, ausgebildeter Volks– und Betriebswirt, in den letzten Jahren Leiter Innovation bei Implenia, heute Chief Growth Officer beim Basler Startup urb-x AG. Die unspektakuläre Definition Wer Karel nach seiner Definition von Innovation fragt, bekommt keine Buzzword-Show. Keine Disruption, keine Transformation, kein Game-Changer. Sondern dies: für ein reales Problem eine passende Lösung mit wirtschaftlichem oder sozialem Mehrwert finden. Punkt.Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn diese Definition ist eine stille Kampfansage an einen ganzen Industriezweig, der sich in den letzten zehn Jahren teilweise in Disruptions-Rhetorik verloren hat. Karel beschreibt diese Phase fast historisch, als wäre sie vorbei: Vor etwa zehn Jahren, sagt er, herrschte in der Innovationsmanagementbranche der Glaube, alle Geschäftsmodelle müssten komplett umgewälzt werden. Heute kommen viele davon zurück. Die ehrliche Botschaft lautet: innovieren ja, ständig verbessern ja, aber bitte nicht das ganze Geschäft alle drei Jahre auf den Kopf stellen, sondern ein bis zwei Themen langfristig vorantreiben. Wer schon einmal versucht hat, parallel zum Bauen auch noch die ganze Firma neu zu erfinden, weiss, wovon Karel spricht. Das Programm dahinter Bei Implenia hat Karel ein Team von zeitweise rund sechs Leuten geführt, das Innovation in der Gruppe vorantrieb. Das Herzstück war ein internes Intrapreneurship-Programm. Knapp 200 Mitarbeitende wurden über Jahre begleitet, von der allerersten Ideenphase bis hin zur Implementierung. Manche dieser Ideen sind grosse Flagship-Innovationen geworden, wie die Tunnelbau-Lösung aus dem Semmering. Andere sind unspektakuläre Prozessinnovationen, die aber im Hintergrund Millionen sparen. Eines dieser stillen Highlights: Ein datenbasierter Personakatalog, mit dem Implenia Zielgruppen für Immobilienentwicklungen nicht mehr klassisch nach Einkommen und Altersstruktur einteilt, sondern nach echten Präferenzen. Klingt nach Marketing, ist aber im Kern eine Beschleunigung der Frühphase. Sechs Personas, basierend auf einer Umfrage bei rund 5‘000 Schweizerinnen und Schweizern, dienen heute als Briefing-Grundlage für Architekturwettbewerbe. Niemand muss mehr bei null anfangen. Junior und Mid-Projektleiter werden entlastet, Machbarkeitsstudien schneller, Entscheidungen klarer. Die historische Linie An dieser Stelle lohnt ein Schritt zurück. Was Karel beschreibt, ist im Grunde die zweite grosse Welle der Industrialisierung im Bau. Die erste lief von den fünfziger bis in die achtziger Jahre und brachte uns die Vorfertigung, die Plattenbauten, die Systemschalung. Sie hat das Bauen schneller gemacht, aber auch starrer. Die zweite Welle, in der wir gerade stecken, ist subtiler. Sie industrialisiert nicht mehr nur das Bauteil, sondern den Prozess davor und dahinter. Daten ersetzen Bauchgefühl. Software ersetzt Excel. Künstliche Intelligenz ersetzt repetitive Ingenieurleistung in der Frühphase. Und genau hier wird es interessant für den Schweizerischen Baumeisterverband und seine Mitglieder. Denn diese zweite Welle ist gerechter verteilt als die erste. Die Vorfertigung der sechziger Jahre brauchte riesige Werke und brutale Mengen Kapital. Die heutige Innovationswelle braucht vor allem Mut, Methodik und ein offenes Mindset. «Ich bin manchmal erschrocken, wie weit auch viele andere Firmen sind von den grossen in der Branche. Die Unterschiede beim Digitalisierungsgrad und der Innovationsfähigkeit sind riesig.» Dieser Satz von Karel sitzt. Es ist keine Schelte, sondern eine Standortbestimmung. In der Schweiz gibt es vier, fünf ganz Grosse und dann Tausende KMU, die den Grossteil der realen Bautätigkeit stemmen. Genau dort entscheidet sich, ob die Schweizer Baubranche in zehn Jahren noch innovativ ist oder nur noch ausführend. Die KMU-Frage Was tun, wenn die Firma nicht Implenia heisst? Karels Antwort ist erfrischend bodenständig. Such nicht in komplizierten Prozessen nach genialen Ideen. Nimm einen Pain Point, ein konkretes Ärgernis, etwas, worüber sich nicht nur du, sondern auch deine Kunden und Partner regelmässig aufregen. Und fang dort an. Das Tagesgeschäft muss laufen, das Bauen geht vor. Aber daneben, im Kleinen, kann man die Maschine zum Verbessern in Gang bringen. Dazu kommt eine zweite, fast philosophische Empfehlung: Foresight gehört auf die Geschäftsführungsebene, vielleicht sogar in den Verwaltungsrat. Einmal im Jahr ehrlich draufschauen. Welche Trends wirken auf unser Geschäftsmodell? Welche Partner werden wichtiger, welche fallen weg? Was können wir ersetzen, was ersetzt vielleicht uns? Das kostet keine hunderttausend Beraterstunden. Es kostet ein paar Tage ehrlicher Reflexion pro Jahr. Das Not-Invented-Here-Syndrom Mario, Moritz und Karel kommen im Gespräch an einen Punkt, der so heftig wie wahr ist: das Not-Invented-Here-Syndrom. Übersetzt etwa: was nicht von uns kommt, kann nicht gut sein. Karel sagt es vornehm: Es wird zu viel Stolz aus diesem Gedanken gezogen, das haben wir selber entwickelt. Mario formuliert es deftiger: «Wir sind die Helden vom Erdbeerfeld.» Genau hier liegt Obacht eines der grössten ungenutzten Potenziale der Schweizer Baubranche. Wer dauernd das Rad neu erfindet, kommt nie zur Strasse. Karel verweist auf Open Source Construction, auf Hackathons, auf das Teilen von Wissen über Firmengrenzen hinweg. Die digital affinen Absolventinnen und Absolventen, die jetzt in die Branche kommen, denken längst so. Sie suchen auf GitHub, rufen Leute an, kombinieren bestehende Lösungen. Wer sie mit Compliance-Bedenken und Habt-ihr-das-selber-entwickelt-Fragen ausbremst, verliert sie. Und mit ihnen die Zukunftsfähigkeit der eigenen Firma. Vom Innovator zum Entrepreneurship Karel hat Implenia verlassen und ist heute Chief Growth Officer bei urb-x AG, einem Basler Startup, das modulbasierte Holzsysteme für Brücken und Velohochstrassen entwickelt. Somit schliesst urb-x effizient Lücken im Velorouten.Vorfertigung und Industrialisierung in der Infrastruktur, also genau das, was die Branche seit Jahrzehnten beim Hochbau predigt, aber im Tiefbau bisher kaum umgesetzt hat. Auftraggeber sind unter anderem Gemeinden und Stadtregionen in ganz Europa. Und natürlich nutzt Karel mit seinem Kollegen Claude von Anthropic für frühe Visualisierungen und Machbarkeitsstudien. Er, der kein ausgebildeter Architekt ist, kann heute Machbarkeitsstudien für Infrastrukturprojekte erstellen, die vor zehn Jahren nur grosse Ingenieurbüros liefern konnten. Das ist die andere, weniger gemütliche Seite der zweiten Welle: Wertschöpfung verschiebt sich. Wer heute noch glaubt, klassische Ingenieurleistung sei für immer geschützt, sollte sich diese Folge zweimal anhören. Der Blick aus Holland Zum Schluss bringt Karel seine eigene Geschichte ein. Vor acht, zehn Jahren war die niederländische Baubranche in vielen Bereichen weiter als die Schweizer. Nicht insgesamt besser, sondern schneller im Entscheiden. Mutiger im Ausschreiben. Partnerschaftlicher in der Zusammenarbeit. Während Corona hat die Schweiz gezeigt, dass sie es kann: Datencenterprojekte, Hochgeschwindigkeitsbauten, alles partnerschaftlich, schnell, hochwertig. Sobald der Druck weg war, fiel die Branche zurück in alte Muster. Die Kompetenz ist da. Die Erfahrung auch. Was fehlt, ist die Kultur. Karels Schlussplädoyer lautet: mutiger werden, schneller entscheiden, auch wenn nicht jede Entscheidung optimal ist. Nachher justieren. Genau das geile Mindset, das die Niederländer in Jahrhunderten der Auseinandersetzung mit dem Meer gelernt haben. Fazit Innovation im Bau ist kein Sprint zur Disruption. Sie ist Handwerk. Sie braucht einen Pain Point, ein Mindset, ein bisschen Zeit, ein bisschen Glück und vor allem die Bereitschaft, nicht alles selbst erfinden zu müssen. Wer das versteht, sei es bei Implenia, im Tunnel am Semmering oder im KMU mit zwölf Leuten, baut nicht nur Häuser. Sondern auch eine Branche, die in zehn Jahren noch relevant ist. Die ganze Folge mit Karel van Eechoud gibt es jetzt auf Spotify, YouTube und überall, wo es Podcasts gibt. Reinhören lohnt sich, denn Karel hat schon angekündigt, dass eine zweite Folge folgen wird. Und die wird mindestens so heftig. Über den Autor Mario Sülz mario.suelz@baumeister.ch Artikel teilen
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