Zwischen Kies und Künstlicher Intelligenz

Ein Interviewporträt über Führung, Mut und die Zukunft des Bauens.

Zwischen Kies und Künstlicher Intelligenz
Ein Interviewporträt über Führung, Mut und die Zukunft des Bauens

Es ist 6.45 Uhr. Der Nebel hängt noch tief über dem Werkhof. Ein Polier studiert die Pläne, ein Baggerfahrer startet die Maschine, irgendwo klirren Ketten auf Stahl. Und mittendrin steht einer, der beides kennt: die raue Realität der Baustelle und die strategische Flughöhe der Geschäftsleitung.

Roland hat sein ganzes Leben auf dem Bau verbracht. Strassenbau, Spezialtiefbau, Stabilisierung. Vom Praktiker zum Geschäftsführer. Über zwanzig Jahre Führung in einem Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitenden, davon ein wachsender Teil im digitalen Bereich. Ein Urgestein, ja. Aber eines mit Zukunftsblick.

Der Weg vom Belag zur Datenstruktur

«Ich wollte meinen Arbeitsalltag verbessern», sagt er nüchtern. Kein grosses Sendungsbewusstsein, keine Silicon-Valley-Rhetorik. Einfach der Wunsch, Abläufe effizienter zu gestalten. Wer einmal bei Regen einen Belag eingebaut hat, weiss: Theorie hilft wenig, wenn das Material kühlt und der Termin drängt.

Die ersten Digitalisierungsversuche waren pragmatisch. Ein Brief wurde zur E-Mail. Ein Plan zur PDF-Datei. Doch Roland erkannte früh, dass das keine Transformation ist. Das ist Digitalisierung als Oberfläche.

Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Maschinensteuerung. Datenaufbereitung, Geomatik, präzise Absteckung. Plötzlich wurde klar: Wer die Daten beherrscht, beherrscht den Bauprozess. Die Geomatik-Abteilung wuchs. Andere Unternehmen kauften die Dienstleistung ein. Ein Momentum entstand.

Doch mit dem Erfolg kam Ernüchterung. Softwareeinführungen scheiterten. Projekte dauerten zu lange. Ärger von unten bis oben. Warum? Weil Technologie allein nichts bewegt.

Roland begann umzudenken. Er studierte Produktmanagement, tauchte ein in Strategiemodelle, diskutierte mit Führungskräften anderer Branchen. Und irgendwann fiel der Satz, der seine Haltung auf den Punkt bringt:

 

 

Digitalisierung ist kein IT-Projekt. Es ist eine Führungsentscheidung.

Roland Müller
Geschäftsführer Käppeli Digital AG

Hier liegt der Kern. Nicht der Algorithmus entscheidet über die Zukunft eines Bauunternehmens, sondern die Geschäftsleitung. Nicht die Software treibt die Veränderung, sondern das Commitment von oben. Wer Transformation delegiert, verliert sie.

Die Baustelle als Spiegel der Gesellschaft

Die Baubranche hat Industrialisierung, Mechanisierung und Automatisierung erlebt. Vom Pickel zum Bagger. Vom Papierplan zur 3D-Maschinensteuerung. Jede Generation glaubte, nun sei die grosse Revolution da. Und doch blieb der Kern gleich: Menschen bauen für Menschen.

Künstliche Intelligenz verändert dieses Gefüge leise, aber tiefgreifend. Roland sieht ihr Potenzial nicht in E-Mail-Zusammenfassungen, sondern in Mustererkennung, Szenarien, Wahrscheinlichkeiten. In der Kalkulation. In der Kapazitätsplanung. In strategischen Entscheidungen.

Doch er bleibt realistisch. Wer KI nutzen will, muss zuerst seine Daten ordnen. Strukturen schaffen. Neue Rollen definieren. Das ist Organisationsarbeit. Das kostet Zeit. Und es braucht Mut.

Historisch betrachtet stehen wir an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn der Industrialisierung. Damals reichte es nicht, eine Dampfmaschine zu kaufen. Man musste Produktionsprozesse neu denken. Arbeitsabläufe neu organisieren. Führung neu definieren. Genau das passiert heute erneut.

Der Mensch bleibt

Trotz aller Technologie bleibt Roland nah bei den Menschen. Er spricht über Maurer, die vielleicht nie digital affin werden. Und er sagt klar: Das ist kein Problem.

Die Kunst liegt im Übersetzen. Zwischen IT und Baustelle. Zwischen Datenmodell und Verdichtungsgerät. Deshalb schuf er eine eigene Abteilung für Produktmanagement und Entwicklung. Eine Brücke zwischen Theorie und Praxis.

Frühe Einbindung. Raum für Experimente. Fehlerkultur. Zeitfenster fürs Ausprobieren. «Hauptsache, du probierst es», sagt er über Innovationsprojekte.

Und morgen?

Humanoide Roboter werden kommen. Gefährliche Arbeiten übernehmen. Körper entlasten. Aber sie ersetzen nicht die Erfahrung eines Poliers, der den Boden liest wie ein Buch. Evolution statt Revolution.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Bauunternehmung wollen wir in zehn Jahren sein? Reiner Ausführer? Oder strategischer Partner in einem datengetriebenen Ökosystem?

Roland ist überzeugt: Ab einer gewissen Grösse reicht es nicht mehr, nur das Tagesgeschäft zu managen. Wer Strategie meidet, überlässt seine Zukunft dem Zufall.

Fazit: Führung beginnt heute

Wir kehren gedanklich zurück auf die Baustelle am frühen Morgen. Der Nebel hebt sich. Maschinen laufen. Menschen arbeiten. Und irgendwo im Hintergrund entstehen Daten, Muster, Wahrscheinlichkeiten.

Die Zukunft des Bauens entscheidet sich nicht in der Software. Sie entscheidet sich in der Haltung der Führung.

Digitalisierung ist keine technische Frage. Sie ist eine Frage der Verantwortung.

Und genau hier beginnt sie.

 

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Denn wer heute zuhört, baut morgen klüger.

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