«Die Innovationen finden in den Unternehmen statt, nicht in der Verwaltung»

Die Baubranche setzt sich für die Wiederverwertung von Baustoffen ein und ist auf gutem Weg, wie ihr Adrian Amstutz, Präsident arv Baustoffrecycling Schweiz, bescheinigt. Trotzdem bleibt noch einiges zu tun. Gefordert sind vor allem die Behörden und die Politik.

 

Vom Abfall zum Wertstoff: In den letzten Jahren ist die Erkenntnis, dass Recycling richtig und wichtig ist, grösser geworden. Sind wir in der Schweiz mittlerweile auf dem richtigen Weg oder gehen wir noch zu sorglos mit den Ressourcen um?

Adrian Amstutz: In der Schweiz sind wir im Recycling weltweit an der Spitze, auch im Wiederverwenden von Baustoffen. Wir sind seit über dreissig Jahren auf dem richtigen Weg, wenn es darum geht hochwertige Komponenten aus dem Bauschutt zu gewinnen. Auf der Abnehmerseite geht es jetzt ebenfalls vorwärts. Da muss künftig aber noch mehr passieren. Beim Ersatz von Primärrohstoffen hat es klar noch Luft nach oben.

 

Beim Baurecycling gibt es grosse Unterschiede. Während der Verwertungsanteil beim Aushub- und Ausbruchmaterial 75 Prozent beträgt und bei den Rückbaumaterien 70 Prozent, liegt der Anteil des jährlich in der Schweiz verbauten Recyclingbetons bei nur 15 Prozent. Woran liegt das?

Der Anteil an Recyclingbeton ist mit 15 Prozent noch bescheiden und muss gesteigert werden. Wenn man aber bedenkt, dass praktisch der gesamte Betonabbruch heute wieder zu hochwertigen Baustoffen aufbereitet wird, relativiert sich Ihre Aussage. Wir bauen immer noch viel mehr Neues, als wir abreissen. Das heisst, es braucht auch künftig einen sehr grossen Anteil Primärbaustoffe. Noch sind viele Bauherren und Planer nicht genügend über Möglichkeiten und Machbarkeit informiert. Recyclingbaustoffe sind wertvoll, vollwertig und vielseitig einsetzbar.

 

Das Beispiel RC-Beton zeigt, dass Baustoffe aus Recycling besser sein können als solche aus Primärmaterialien, so gibt es RC-Beton mit einer CO2-Senke oder der sogar klimaneutral ist. Trotzdem ist die Quote des verbauten RC-Betons tief. Was kann getan werden, damit Bauherren und Planer mehr Gefallen am RC-Beton finden?

Es braucht definitiv Anreize, um die Bauherrschaften und Planer zu motivieren die Vielfalt der Recyclingbetonsorten auch am entsprechenden optimalen Einsatzort zu verwenden. Im Vergleich zum gesamten Bauprojekt ist die Baustoffbeschaffung eine verhältnismässig geringe Kostenposition. Es braucht daher nicht einfach staatliche Geldspritzen, sondern Anreize wie Labels und ein Qualitäts- und Mengen-Monitoring der Anteile an wiederverwerteten Baustoffen und Bauteilen. Quoten wären da aber das falsche Rezept, da die Möglichkeiten vom jeweiligen Projekt und Umfeld stark abhängig sind. Eine «was ist möglich» zu «was wurde umgesetzt» Betrachtung wäre hier hilfreich. Wenn der Einbau von RC-Beton bereits in der Ausschreibung gefordert wird und bei der Planung berücksichtigt wird, wird dieser Weg mit der Zeit zu einem Selbstverständnis werden.

 

Braucht es neue Beton-Normen?

Die Beton-Norm lässt bereits heute hohe Anteile an RC-Zuschlagstoffen zu (Stand: 09/2022). Das Problem liegt also nicht darin, dass Normen fehlen, sondern dass in den Ausschreibungen immer noch sehr stark Primärmaterialien verlangt werden. Gerade beim Altbelag orten wir noch ein grosses Potential für die Verbesserung der Situation bezüglich Wiederverwendung von Recyclingkomponenten. Grundsätzlich landet schweizweit auch immer noch zu viel Mischabbruch auf den Deponien anstatt in der Aufbereitung.

 

Sollen Behörden Vorbilder sein?

Das ist ein Muss! Die öffentliche Hand ist der grösste Bauherr der Schweiz. Ja, ohne die Behörden in ihrer Rolle als Bauherren erreichen wir im Einsatz von hochwertigen Recyclingbaustoffen zu wenig. Mit der angenommenen Motion zur Verwendung von sekundären Baustoffen bei Bauten von Bund, Kantonen und Gemeinden wurden die Weichen dafür gestellt und wir sind auf einem guten Weg.

 

Das neue Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen ist ein Paradigmawechsel, weil neu auch die Qualität und der Umweltschutz gewichtet werden und nicht nur der Preis. Das ist eine Chance für Recyclingbaustoffe, allerdings sieht die Praxis anders aus, weil die Behörden noch zu oft nur auf den Preis schauen. Wie könnte man das ändern?

Es trifft zu, dass derzeit noch keine klaren Kriterien und für den Einsatz von Recyclingbaustoffen existieren, die einen Variantenvergleich auf Basis von etablierten Bemessungsgrundlagen erlauben würden. Dies lässt zwar grosse Freiheiten im Umgang damit zu, verunsichert aber vermutlich viele Bauherrschaften und Planer. Hier besteht eindeutig Nachholbedarf.

 

Fehlt nicht gerade Gemeinden das notwendige Fachwissen?

Vorab müssen Bund und Kantone ihre Ausschreibungen konsequent anpassen, dann ziehen die Gemeinde nach. In den Gemeinden ist die grosse Vielzahl an Aufgaben und Themen sicherlich eine Herausforderung. Klare und einfache Anleitungen im Umgang mit öffentlichen Ausschreibungen wären hier hilfreich. Der KBOB macht schon einiges in diesem Bereich. Für die Gemeinden wäre vermutlich eine Art «Betty Bossi»-Anleitung in diesem Bereich hilfreich.

 

Die Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft ist für die ganze Schweiz wichtig, weil die Bautätigkeit 84 Prozent des Abfallaufkommens in der Schweiz generiert. Was sind die Hürden?

Zurzeit ist die grösste Hürde die vollständige Wiederverwertung aller aus dem Rückbau gewonnener, hochwertigen Baumaterialien. Wie schon vermerkt, wird der Beton aus dem Rückbau schon heute praktisch komplett wieder verwendet. Beim Belag und dem Mischabbruch ist es leider noch nicht so. Hier wachsen die Vorräte bei den Recyclingbetrieben immer noch. Das muss sich klar verbessern. Das Credo muss lauten: «Bereits bei der Planung an den Rückbau denken.»

 

Schon Jahre vor der Inkrafttretung des VVEA praktizierten einige Bauunternehmen wie Eberhard ein Baumaterialrecycling. Ketzerische Fragen: Braucht es die Gesetze überhaupt?

Ohne klare, einfach verständliche und praxistaugliche Spielregeln gibt es auch kein gutes Spiel. Genau das Beispiel Eberhard zeigt, dass klare Rahmenbedingungen und fortschrittliche Gesetze, respektive deren Vollzug auf kantonaler Ebene, eine wichtige Voraussetzung für die Umstellung auf eine optimierte Kreislaufwirtschaft sind.

 

Wenn alles reglementiert wird, hemmt das nicht die Innovationsfähigkeit?

Wenn die Reglemente praxistaugliche Ziele vorgeben und nicht den Weg zum Ziel diktieren, dann hemmen sie die Innovation auch nicht. Im Grundsatz sollen sie zudem längerfristig stabil und vorhersehbar bleiben, da die Unternehmen ansonsten ihre erheblichen Investitionen in Aufbereitungsanlagen nicht auslösen werden. Die Innovationen finden in den Unternehmen statt, nicht in der Verwaltung. Der Weg ist nicht das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel.

 

Ein Hindernis beim Recyclieren ist, dass man teilweise nicht genau weiss, was wo drin ist. Könnte die Digitalisierung hier Abhilfe schaffen, indem Inhaltsstoffe hinterlegt wären?

Vielmehr müssten hier die Kunden genauer hinschauen und prüfen, was sie beschaffen. Die Voraussetzungen zur Information hierfür sind vorhanden. Leider führt der allgegenwärtige Preisdruck dazu, dass mehr auf den Preis als auf die Qualität geachtet wird.

 

Wie wichtig ist die Digitalisierung beim Recycling?

Sie wird sicherlich helfen, schlanke und automatisierte Abläufe ermöglichen, was letztendlich zu Effizienz Steigerung und Kostensenkung bei einer Steigerung der Qualität führen wird. Die Digitalisierung darf aber nicht dazu verleiten, immer noch mehr Datenfriedhöfe zu produzieren, sondern sich konsequent auf die Daten zur Zielerreichung zu beschränken.

 

Beim Abbau zeigt sich der Nachteil einiger Baustoffe, die bei der Erstellung durch Vorteile auffallen, sie sind nicht oder schlecht rezyklierbar. Das heisst, Architekten und Ingenieure müssten entsprechend planen. Als Vertreter der Planungsbranche frage ich Sie, wie diese Berufsgruppe für das Thema sensibilisiert werden könnte.

Dies wird wohl nur durch Schulungen und Vorzeigbeispielen möglich sein. Das Konzept von «Design for disassembly», also Rückbau und Wiederverwertung, setzt sich in den Köpfen Schritt für Schritt durch. Da Bauwerke für Jahrzehnte erstellt werden, wirken sich in diesem Gebiet Änderungen nur auf grössere Zeitdauern aus.

 

RC-Beton ist das eine, die Wiederverwendung von Bauteilen das andere. Auch hier wären die Planer gefragt. Wie macht man es ihnen schmackhaft?

Auch hier ist die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand gefordert. Der Druck muss von der Bauherrschaft kommen. Mit entsprechend begleitender Kommunikation anhand praktischer Beispiele kann das wichtige Thema Kreislaufwirtschaft in diesem Bereich ins Bewusstsein von privaten Bauherren, Planern und Gesellschaft gerückt werden.

 

Als ehemaligen Nationalrat frage ich Sie: Ist die Politik genug sensibilisiert für das Thema?

Nein. Es gibt aber Lichtblicke. So zeigt die parlamentarische Initiative «Kreislaufwirtschaft stärken» der entsprechenden Nationalratskommission, dass das Thema bei den Politikern angekommen ist und ernst genommen wird.

 

Im Moment gibt es zwei Vorstösse zum Baurecycling im Parlament. Was halten Sie davon?

Wir brauchen weiterhin klare Ziele ohne Vorgaben über den Weg zum Ziel. Wichtig ist auch, dass die Zielerreichung von den Kantonen regelmässig überprüft wird. Bund, Kantone und Gemeinden sind aber auch in der Pflicht, die zur Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben und Ziele, die für eine praktikable Kreislaufwirtschaft unabdingbaren Rahmenbedingungen zu schaffen. Das heisst, in der Raumplanung sind auf allen drei Stufen für die Recyclingbetriebe der nötige Platz zur Standortsicherung, aber auch für Betriebserweiterungen, zu schaffen. Alles andere ist wie mit der einen Hand Gas geben und mit der anderen Hand bremsen und das bedeutet Stillstand.

 

Recycling benötigt demnach Platz, um Materialien neu zu verwerten. Wird das in der Raumplanung genügend berücksichtigt?

Die Raumplanung spielt eine wichtige Rolle für unsere Unternehmen und wir kommen nicht darum herum, Platz für die Aufbereitung, Lagerung und Umschlag zur Verfügung zu stellen. Mittels raumplanerischer Vorgaben und klaren Kriterien müssen Nutzungskonflikte frühzeitiger als bisher gelöst werden. Den Gegebenheiten von Recyclingbetrieben und den hierfür notwendigen Transporten muss zur Erfüllung der wichtigen Kreislaufwirtschaft Rechnung getragen werden. Für diese Betriebe muss genügend Standortsicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten erhalten bleiben, damit diese auch zukünftig ihren Beitrag für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft erbringen können.

 

Wo liegen die grössten Baustellen beim Baustoffrecycling?

Wo sinnvoll die weitere Steigerung der Qualität, ohne dass die Kosten die Produkte unattraktiv machen. Es muss bei allen am Bau beteiligten Akteuren ein Bewusstsein dafür entstehen, dass die zugegebenermassen komplexen Kreisläufe geschlossen werden können und dass aus Bauabfällen wieder wertvolle und vollwertige Baustoffe gewonnen werden können.

 

Eine letzte Frage zu Ihrem Verband, dem arv. Welche Probleme beschäftigen ihn am meisten?

Der Fachkräftemangel, das heisst Menschen, die das nötige Wissen zur jeweiligen Auftragserfüllung haben, auf ihrem Gebiet viel Können und verlässlich arbeiten wollen. Die Akzeptanz der RC-Baustoffe und der Branche an sich gehört zur grössten Herausforderung. Das heisst für Gesetzgeber und Baubranche: Weg vom Begriff «Bauabfall, der entsorgt werden muss» hin zu «Rückbaumaterial das verwertet wird».

 

Über den Autor

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Susanna Vanek

Redaktorin

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