«Message in Bern angekommen»

Im Interview zum SBV-Jahresbericht erläutern SBV-Zentralpräsident Gian-Luca Lardi und ZV-Mitglied René Leutwyler die zentrale Rolle der Schweizer Bauwirtschaft während des Corona-Lockdowns zum Erhalt der Arbeitsplätze und das Engagement des Verbandes auf allen föderalen Ebenen der Schweiz.

 

Die Coronakrise hat auch in der Baubranche Bremsspuren hinterlassen. Wie steht diese aktuell da? Gian-Luca Lardi: Die Auswirkungen waren für uns in der ersten Welle am stärksten, weil wir die Umstellung auf die Schutzmassnahmen innert kürzester Zeit planen und umsetzen mussten. Wir dürfen aber auch festhalten, dass die Baubranche im Vergleich zu anderen Branchen mit einem blauen Auge davongekommen ist. Dem Bau geht es gut; trotz Mehraufwendungen dürfen wir nicht vergessen, dass andere Branchen ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie immer noch mit existenziellen Problemen kämpfen. René Leutwyler: In der Westschweiz beobachten wir eine spürbare Volumenabnahme beim Bau von Industrie- und Bürogebäuden. Auswirkungen werden auch die Hotel- und Restaurantschliessungen haben. Covid-19 hat zudem aber auch die Moral auf der Baustelle strapaziert. Baumenschen sind Kontaktmenschen. Die aktuellen Kontaktbeschränkungen wirken sich negativ aus.

 

Bei der Coronakrise hat sich die Bedeutung der Bauwirtschaft für die Gesamtwirtschaft gezeigt. Wird das Auswirkungen haben, etwa auf die Wahrnehmung der Bauinteressen in Bern? René Leutwyler: Die Baubranche macht 10 Prozent des BIP aus und 8 Prozent der Arbeitsplätze, das spielt eine Rolle. In einigen Kantonen mussten während der ersten Welle Baustopps verhängt werden. In der Westschweiz war dies hauptsächlich wegen der geschlossenen Grenze zu Frankreich der Fall. Es fehlten mit den Grenzgängern Arbeitskräfte und teilweise auch Materialien und Deponien. Gian-Luca Lardi: Die Bauwirtschaft hat während des Lockdowns und der zweiten Welle einen wesentlichen Beitrag zur Schadensbegrenzung geleistet. Vor allem in ländlichen Gebieten, in denen jeder Arbeitsplatz zählt, ist die Bauwirtschaft eine zentrale Gesamtstütze der Wirtschaft. Das wird auch in politischen Gesprächen immer wieder klar. Mit dem Fünf-Punkte-Plan ersucht der SBV nicht um Hilfsgeder; er präsentiert stattdessen eine Lösung, wie die Rezession abgefedert werden kann: Indem die Realisierung von Bauten und Intrastrukturen zügig vorangetrieben wird. Diese Message ist in Bern angekommen.

 

Bei den öffentlichen Bauherren ist die Zusammenarbeit mit den Sektionen gefragt. Wie beurteilen Sie diese? René Leutwyler: Die Zusammenarbeit funktioniert gut. Die Regierungen haben ein offenes Ohr gegenüber der Baubranche, anderseits haben sie auch grössere Probleme mit anderen Wirtschaftszweigen. Gian-Luca Lardi: Die Zusammenarbeit zwischen unseren nationalen Organen der Geschäftsstelle und den Sektionen war seit je her gut; in der Krise wurde das Verhältnis sogar noch enger. Die Geschäftsstelle und die Sektionen sind dankbar, dass der SBV eine föderalistische Organisation als grosse Stärke aufweist, die bis auf die kantonale Ebene durchschlagskräftig ist. Das ist ein Vorteil, der uns gegenüber anderen Verbänden auszeichnet.

 

Führt die höhere Gewichtung der Qualitätskriterien beim neuen Beschaffungsrecht BöB dazu, dass der Tiefpreisspirale, in der sich die Baubranche seit Jahren befindet, endlich ein Ende gesetzt werden kann? René Leutwyler: Die Qualität ist sicher ein gewünschter Hebel, um die Preisspirale abzufangen. Gian-Luca Lardi: Das ist das Hauptziel, auf das wir viele Jahre hingearbeitet haben. Die Umsetzung und der damit nötige Kulturwandel wird aber Jahre beanspruchen. Es ist jetzt sehr wichtig, dass sich unsere Mitglieder mit Rekursen zurückhalten, wenn eine Vergabe nach den neuen Kriterien erfolgte und sie den Zuschlag nicht erhalten haben.

 

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Chancen und Herausforderungen im Jahr 2021? René Leutwyler: Eine Herausforderung wird sicher der Rückgang des Bauvolumens sein, der auf die Preise drücken wird, versus höhere Qualität, die sicher auch etwas mehr kostet. Wer Arbeit sucht, geht mit den Preisen herunter. Das neue Vergaberecht BöB mit den neuen Kriterien ist auch eine Herausforderung, die man aber anpacken muss, weil sie Chancen bietet. Gian-Luca Lardi: Die Rezession wird Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben; wie stark, das kann man heute erst vermuten. In städtischen Gebieten sind die Umnutzung von Büro- und Verkaufsflächen und die Verdichtung wichtige Themen. Mit dem CO²-Gesetz muss uns gelingen, durch Ersatzneubauten neues Bauvolumen zu generieren. Der Nachholbedarf im Tiefbau und an den Infrastrukturen ist offensichtlich und wird einen Teil des Hochbaus kompensieren, diese Chance gilt es zu packen.

 

PDF-Version des SBV-Jahresberichts

Über den Autor

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Susanna Vanek

Redaktorin / Spezialistin Kommunikation

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